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Studie

Seedbombs sind nicht so umweltfreundlich, wie man denkt

Bunte Wildblumenwise mit Hummel auf Blütenkelch
Seedbombs für bunte Blumenwiesen werfen und der Umwelt und den Insekten damit etwas Gutes tun: Das suggerieren viele Saatguttütchen – zu Unrecht, wie eine Studie herausfandFoto: Getty Images

Munteres Aussäen gegen das Insektensterben: Samentütchen und Seedbombs erfreuen sich großer Beliebtheit. Sie versprechen florale Vielfalt an triste Orte zu bringen, Wegesränder zu begrünen und Insekten damit zu helfen. Doch eine Studie warnt eindringlich vor dem Anlegen von bunten Blumenwiesen für Bienen.

„Schmetterlingswiese“, „Bienenschmaus“ und „Hummelmagnet“: Die Aufdrucke der Samentütchen klingen vielversprechend. Auch das Cover kunterbunter Wildblumenwiesen lässt das Herz höherschlagen. Samentütchen oder Samenbomben, sogenannte Seedbombs, gibt es inzwischen in jedem Discounter und Baumarkt. Auch bei Unternehmen und Parteien gelten die kleinen Tütchen als ökologisches und gern verteiltes Give-away. Doch das aufgedruckte und implizierte ökologische Versprechen halten die wenigsten Samenmischungen. Im Gegenteil. Eine Veröffentlichung der Bochumer Botanischen Vereinigung warnt vor dem willkürlichen Ausstreuen der vermeintlich gut gemeinten Seedbombs.

Mangelhafte Insektenrettung aus der Samentüte?

Die klangvollen Namen der Samentüten finden sich im Titel der Veröffentlichung wieder. Für ihre Studie „Schmetterlingswiese, Bienenschmaus und Hummelmagnet – Insektenrettung aus der Samentüte“ nahmen die Autoren Corinne Buch und Dr. Armin Jagel des Bochumer Botanischen Vereins e. V. die kleinen Tütchen genauer unter die Lupe. Für ihre Untersuchungen fotografierten die Autoren die Samen der Saatgutmischungen. Anschließend säten, bestimmten und dokumentierten sie fotografisch die sich daraus entwickelnden Keimlinge und Pflanzen. Das Ergebnis der Studie ist ernüchternd und alarmierend zugleich. So hat das Aussäen weitreichende, aber leider nicht die beabsichtigten Folgen.

Mogelpackung Seedbomb

Schon ein erster Blick auf die Verpackung der kleinen Tütchen ließ die Autoren stutzen. Statt konkreter Angaben zum Saatgutinhalt finden sich hier oftmals lediglich Beschreibungen, wie „Sommerblumenmischung“ oder „Wildblumen“. Bezeichnungen, wie „Blaues Wunder“ klingen zwar ausgesprochen fantasievoll, verraten allerdings genauso wenig die zu erwartenden Pflanzenarten. Auch die Coverbilder von kunterbunten Wildblumenwiesen sind nur exemplarisch zu verstehen. Den Tüteninhalt spiegelten sie nicht wieder.

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Ein weiterer Kritikpunkt der Autoren: Oftmals erwecken aufgedruckte Gütezeichen den Anschein, ein qualitativ hochwertiges Produkt in den Händen zu halten. In Wirklichkeit wurden die Siegel jedoch vom Hersteller erfunden und sind deshalb ohne jegliche ökologische Relevanz. Auch unterliegen die konventionellen Samentüten keinerlei Kennzeichnungspflicht über verwendete Pflanzenschutzmittel. Die Herkunft, der Anbau, die Gewinnung und der Transport des Saatgutes bleiben damit im Dunkeln und sind nicht nachvollziehbar.

Einheimische Wildblumen – Fehlanzeige

Auch das Ergebnis der Aussaat ist ernüchternd. Statt der suggerierten einheimischen „Wildblumen“, bestimmten die Autoren vollständig oder nahezu durchweg nichteinheimische Arten, die auch getrennt als herkömmliches Sommerblumensaatgut verkauft werden. Stattdessen wuchsen einjährige Arten aus der Mittelmeerregion, Südosteuropa und Nord- oder Mittelamerika. Lediglich in der „Bienenmischung“ fand sich die einheimische Kornblume in verschiedenen Farbvarianten.

„Vermutlich wurden vor allem Arten ausgewählt, die sich effektiv vermehren und deren Samen sich entsprechend kostengünstig herstellen lassen. Möglicherweise stammt ein nicht unerheblicher Teil in den Samenmischungen sogar aus Überschüssen sonstiger Produktionen, die sich in den undefinierten Mischungen noch gut vermarkten lassen“, so die Vermutung der Autoren. Mitunter gaben Anbieter zwar konkrete Arten an. Doch nicht immer stimmten diese definierten Sorten dann auch mit dem ermittelten Inhalt in der Studie überein.

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Neophyten und Doppelgänger als Problem

Ein weiterer bedenklicher Aspekt des vermeintlich gut gemeinten Aussäens:

„Durch den aktuellen Trend wird die Landschaft völlig willkürlich angereichert. Vom Einzelkämpfer bis zur Kindergruppe von Naturschutzverbänden werden unkontrolliert Seedbombs geworfen oder Guerilla Gardening-Aktionen durchgeführt, mit den besten Absichten, jedoch ohne ausreichende Arten- und Ortskenntnisse. Sei es die Baumscheibe vor der Haustür, der zu steril wirkende Steingarten des Nachbarn, die Industriebrache oder auch der Waldsaum und die Bachaue im Naturschutzgebiet. Alles wird wild begärtnert – im festen Glauben, etwas Gutes für ‚die Natur‘ und für ‚die Bienen‘ zu tun. Was jedoch an der Baumscheibe oder in Nachbars Garten lediglich eine Verschwendung von Zeit, Ressourcen und Geld ist, dabei aber weitgehend ohne Konsequenzen bleibt, da die Arten dort schnell wieder verschwinden, kann sich an naturnahen Standorten möglicherweise durchaus negativ auswirken. Gerade im städtischen Raum existiert eine Reihe von Lebensräumen, die bereits sehr wertvoll und artenreich sind, allerdings für den Laien eher karg und leblos anmuten.“

Studie „Schmetterlingswiese, Bienenschmaus und Hummelmagnet – Insektenrettung aus der Samentüte“

Nicht absehbar sind deshalb die langfristigen Folgen. Die wünschenswerteste Variante ist die, dass Seedbombs keinen langfristigen Effekt haben und die kultivierten Pflanzen nicht lange überdauern. Kritisch wird es allerdings, wenn durch Seedbombs exotische Arten als oft mediterrane Doppelgänger oder Neophyten einheimische Arten verdrängen, sich unkontrolliert ausbreiten oder es zu Erbgutvermischungen kommt.

Zu den bekanntesten Neophyten zählt der Riesen-Bärenklau (Heracleum mantegazzianum). Die Bekämpfung solcher gebietsfremder Problempflanzen ist nicht mit erheblichem menschlichem, sondern auch finanziellem Aufwand verbunden.

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Einjährige Wiesen und Bienenweiden sind irreführend

Mit Seedbombs werden gern wohlklingende Begriffe, wie „einjährige Wiese“ oder „Bienenweide“ verknüpft. Doch sie führen Verbraucher in die Irre. Diese Begriffe gibt es so gar nicht:

„Wiesen sind immer Pflanzengesellschaften, die durch mehrjährige Pflanzenarten charakterisiert sind. Durch das Mähen werden die oberirdischen Pflanzenteile einige Zentimeter über dem Boden rigoros entfernt, es setzen sich also diejenigen Pflanzen durch, deren Erneuerungsorgane unterhalb des Mähers liegen. Einjährige Arten kommen zwar in Wiesen auch vor, sind aber nicht bestandsbildend und meist mehr oder weniger regelmäßige Begleiter.“

Studie „Schmetterlingswiese, Bienenschmaus und Hummelmagnet – Insektenrettung aus der Samentüte“

Das Gleiche gilt für Bienenweiden. So definiere sich eine Weide per se über den „Fraß der Gräser und Beikräuter sowie den Tritt durch Nutztiere.“ Das nachdenklich stimmende Fazit der Studie: „Die Ansaat von ‚Bienenweiden‘ aus dem Baumarkt ist jedenfalls keine Lösung des Problems. Sie dient höchstens der Beruhigung des ökologischen Gewissens, bedient kommerzielle Interessen und lenkt von politisch unbequemen Entscheidungen ab (v. a. beim Umdenken im Bereich der industrialisierten Landwirtschaft und Massentierhaltung). Die wirklich gravierenden Probleme des Naturschutzes werden somit überdeckt und die Bevölkerung durch blinden Aktionismus beschäftigt. Zugespitzt formuliert wird eine grundfalsche Wahrnehmung von Natur und Artenschutz in die Öffentlichkeit transportiert.“

Alternativen zu Seedbombs

Statt Seedbombs zu werfen und „Aktionismus außer Kontrolle“ zu betreiben, gibt es deshalb laut den Autoren viele weitere, weit sinnvollere Handlungsmöglichkeiten:

  • Arten ansäen, die zum Naturraum und dem Standort passen. Dazu können Literaturrecherchen sinnvoll sein. Mit dem Wissen lassen sich eigene Saatkombinationen zusammenstellen, die von den Standardlisten der Regiosaatgutanbieter abweichen. Übrigens sind einjährige Akzeptanzarten wie Klatsch-Mohn und Kornblume in einer Wiese unnötig.
  • Die Maßnahmen und verwendeten Saatgutmischungen dokumentieren. Im Idealfall hierüber Monitoring betreiben.
  • Grünland und Säume bei der Einrichtung, Entwicklung und Pflege von Obstwiesen verstärkt berücksichtigen.
  • Grünlandsäume lieber abräumen statt mulchen.
  • Größere Projekte von Naturschutzverbänden oder biologischen Stationen unterstützen.
  • Insektenschutz im eigenen Garten betreiben. Hier können Exoten (Zier- und Nutzpflanzen) durchaus nützlich sein.
  • Tipps zum naturnahen Gärtnern berücksichtigen. Alle notwendigen Informationen hierzu erhält man bei Naturschutzverbänden oder Naturgartenvereinen.
  • Regiosaatgut verwenden. Dieses gibt es auch in kleinen Mengen und für den Privatgebrauch.