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Baustoffe der Zukunft

Kann man aus Pilzen wirklich Häuser bauen?

Pilze als Baustoff: Pilze wachsen auf einem Baumstamm
Nachwachsender Rohstoff: Womöglich bestehen Hauswände bald aus PilzmaterialFoto: Getty Images

Auf der Suche nach nachhaltigen Werkstoffen haben Wissenschaftler eine interessante Entdeckung gemacht: Einen Baustoff aus Pilzen. myHOMEBOOK fragte beim Experten nach, was man mit Pilzen wirklich bauen kann.

Kann man mit Pilzen bald Häuser bauen? Klingt abgefahren, könnte jedoch bald schon Realität werden. Auf der Suche nach einem nachhaltigen Baustoff, der eine Alternative zum klimaschädlichen Zement bietet, sind Wissenschaftler fündig geworden. Ein Baustoff aus Pilzen. Genauer: Pilzfäden, auch Myzelium genannt.

Was macht Pilze als Baustoff so interessant?

Doppelt öko: Der Rohstoff Myzelium wächst schnell nach, und zwar in jede erdenklichen Form. So lassen sich unterschiedliche Bauelemente wie zum Beispiel Backsteine oder Dämmplatten damit herstellen. Braucht man die irgendwann nicht mehr, können die Elemente vollständig kompostiert werden.

Baustoff aus Pilzen: Das Wurzelgeflecht eines Pilzes
Das Pilzgeflecht ist das eigentlich Interessante für den Baustoff aus PilzenFoto: dpa picture alliance

Problematisch war zu Beginn der Forschung an dem neuen Baumaterial die Frage nach der auszuhaltenden Gewichtslast. Der Baustoff aus Pilzen war anfangs nicht so fest wie ein herkömmlicher und vergleichbarer Baustoff, konnte somit starkem Druck nicht standhalten.

Das änderte sich 2017. Damals hat ein Forscherteam um Professor Dirk E. Hebel vom Karlsruher Institut für Technologie (KIT) den „MycoTree“ entwickelt. Dahinter verbirgt sich eine selbsttragende Struktur aus Pilzgeflecht und Bambus. Durch die ausgeklügelte geometrische Form können die Pilzbausteine dem Druck nun widerstehen.

Wie entsteht der Baustoff aus Pilzen?

Hebel erklärt, wie der Pilz-Werkstoff entsteht: „Mischt man die Pilzsporen mit den biologischen Abfallprodukten der Landwirtschaft- und Nahrungsmittelindustrie, bilden sich von den Sporen unter Zugabe von Wasser sofort kleine Fäden, die sogenannten Hyphen. Diese Fäden um- und durchwachsen dann das Material, bis daraus nach einigen Tagen eine kompakte, rhizomartige Struktur entsteht.“ Abschließend wird durch Erwärmen das restliche Wasser dem Matierial entzogen. Der Pilzorganismus stirbt ab und übrig bleibt eine kompakte Struktur.

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Warum brauchen wir neue Baustoffe aus Pilzen?

Die Weltbevölkerung wächst unaufhaltsam. Damit geht ein weltweiter Bauboom einher. Problem: Sand, Mineralien, Metalle – viele Rohstoffe, auf die die Baubranche setzt, werden knapp. Deshalb entwickeln Wissenschaftler innovative „grüne“ Baustoffe, beispielsweise aus Algen, Bakterien oder eben Pilzen.

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Das schont die Umwelt in mehrfacher Hinsicht: Die Stoffe lassen sich leicht nachzüchten oder wachsen von alleine nach. Sie werden so produziert, dass das Klima geschont wird. Und wird ein Gebäude irgendwann abgerissen, fällt nur Bauschutt an, der verrotten kann oder wiederverwendet wird. Dieser geschlossener Kreislauf ist das Ziel der sogenannten „Bioökonomie“.

Fällt einem ein Pilz-Ziegel bei Regen auf den Kopf?

„Nein“, sagt Hebel. Aber ähnlich wie der Baustoff Holz muss die Oberfläche vom Baustoff aus Pilzen so beschaffen sein, dass sie auch mit Nässe klarkommt. An einer nachhaltigen Schutzschicht arbeiten Hebel und sein Forscherteam: „Wir vermeiden es einen rein chemischen Schutz zu verwenden, weil wir dadurch den biologischen Kreislauf des Materials stoppen oder zumindest behindern würden. Ziel der Forschung ist es ein Material zu entwickeln, das zu 100 Prozent den Anforderungen einer zukünftigen Kreislaufwirtschaft entspricht.“

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Pilze inspirieren Architekten und Designer

Dirk Hebel hat gemeinsam mit den Architekten Werner Sobek und Felix Heisel ein Gebäude entwickelt, das aus kompostierbaren Baustoffen besteht. Darunter finden sich der neu entwickelte Baustoff aus Pilzen in Form von Dämmplatten und Lehmputzträgern aus Pilzgeflecht. Auch das US-Unternehmen „Ecovative Design“ baut auf Pilze. So hat das Start-Up ein Tiny House mit Pilz-Material komplett wärmegedämmt.

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Doch nicht nur für das Bauwesen werden Werkstoffe aus Pilzgeflecht vermehrt entwickelt. Es gibt mittlerweile auch Verpackungsmaterial aus Pilzen als Alternative beispielsweise zu Styropor.

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Auch im Möbeldesign machen Pilze eine gute Figur. Aufsehenerregend ist beispielsweise der extrem coole „Mycelium chair“ von Erik Klarenbeek. Interessant: Der Stuhl wurde von einem 3D-Drucker mit Pilzgeflecht ausgedruckt. Der Designer ist auch der Meinung, dass man komplette Häuser aus Pilzmyzel drucken könne. Eine etwas andere ästhetische Sprache spricht hingegen der Londoner Designer Sebastian Cox.

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Zugegeben, das Design hat einen recht außergewöhnlichen Look. Manche würden es vielleicht sogar als unansehnlich bezeichnen. Dafür ist es jedoch sehr authentisch. Denn diese Lampenschirme verbergen nicht, woraus sie gemacht sind – aus Pilz-Myzel.