12. August 2025, 10:37 Uhr | Lesezeit: 3 Minuten
Im Internet findet man die nützlichsten Tipps und Tricks, die unser Leben erleichtern. Leider schummeln sich aber gelegentlich auch faule Eier dazwischen. Ein neuer Tipp, der durch das Internet wandert, ist, dass man Tomaten mit Gelatine düngen sollte. Natürlich muss es keine neu gekaufte sein, es geht um Gelatine, die das Haltbarkeitsdatum bereits überschritten hat und man sie verwenden möchte, anstatt sie zu entsorgen. myHOMEBOOK stand dem skeptisch gegenüber und hat bei einem Experten nachgefragt.
Kann man Tomaten mit Gelatine düngen?
„Es ist tatsächlich ein Thema, das auf den ersten Blick interessant klingt, aber bei genauerem Hinsehen eher kritisch zu betrachten ist“, erklärt Sebastian Mühlemann von der Baumschule Bauer auf myHOMEBOOK-Nachfrage.
Gelatine wird aus tierischem Kollagen hergestellt, also aus Proteinen, die Stickstoff enthalten, erklärt der Experte. Während des mikrobiellen Abbaus im Boden kann daraus Ammonium entstehen. Dabei handelt es sich um eine Form von Stickstoff, die Pflanzen grundsätzlich aufnehmen können, ergänzt Mühlemann.
Allerdings besteht genau darin das Problem, erläutert der Profi: „Dieser Prozess ist weder schnell noch zuverlässig.“ Zu beachten ist, dass es sich nur um Ammonium handelt. Von allen anderen Mikronährstoffen und Spurenelementen fehlt jede Spur, schiebt der Experte nach.
Mühlemann führt einen lustigen Vergleich zur besseren Verständlichkeit auf: „Man würde sich ja auch nur halb über einen Teller Hartweizengrieß freuen. Irgendwie ist es cooler, wenn es Spaghetti sind, aus all den vielen Einzelteilen, aus denen diese Nährstoffthematik eben besteht. Und aufnehmen lassen sich Nährstoffe, wenn sie im richtigen Verhältnis sind – also eben auch gemeinsam vorkommen – auch viel leichter.“
Das passiert, wenn man Tomaten mit Milch düngt
Hortensien richtig düngen für eine lange und üppige Blüte
Bleiben Gelatinereste in der Erde zurück?
Der Experte erklärt, dass es stark bodenabhängig ist, wie gut Gelatine abgebaut werden kann. „Ohne aktives Bodenleben passiert da wenig.“ Außerdem gibt er weitere Punkte zu bedenken: „Die Gelatine kann im Boden verklumpen und die Durchlüftung im Wurzelbereich stören.
Zudem neigt überlagerte Gelatine zu Schimmel und unangenehmem Geruch – was Schädlinge anziehen kann. Der wichtigste Punkt ist, dass Tomaten nicht nur Stickstoff benötigen, sondern auch Phosphor und Kalium – Gelatine liefert davon praktisch nichts.“
So bewertet der Profi den Gelatine-Trick
„Ich persönlich würde davon abraten, Gelatine als Dünger einzusetzen“, verrät Mühlemann. „Nicht weil sie grundsätzlich schädlich wäre, sondern weil sie im Vergleich zu anderen, bewährten Methoden nicht sinnvoll ist. Es gibt viele organische Alternativen, die besser abgestimmt sind und keine unerwünschten Nebenwirkungen haben – zum Beispiel Brennnesseljauche, Kaffeesatz oder ein guter Kompost.“ Alternativ zu Kompost kann man übrigens auch selbst gemachten Komposttee verwenden.