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Schweizer Ingenieurskunst

Viele Deutsche haben dieses Messer zu Hause – kaum jemand kennt seine wahre Geschichte

Schweizer Taschenmesser
Das Schweizer Taschenmesser wurde – wie der Name vermuten lässt – von einem Schweizer erfunden (Symbolbild) Foto: Getty Images

28. September 2026, 16:17 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten

Irgendwo in einer Schublade liegt es. Zwischen Batterien, Briefmarken und einem Schlüssel, der zu keiner Tür mehr passt. Rot, mit weißem Kreuz, die Klinge leicht stumpf vom Ästeschnitzen. Ein Taschenmesser, geschenkt von einem Vater, einem Großvater oder einer reisefreudigen Tante. Millionen Menschen besitzen so ein Stück. Kaum jemand kennt seine ganze Geschichte. Wieso ein deutscher Umweg zur Geburtsstunde des Schweizer Taschenmessers gehört, erzählt dieser myHOMEBOOK-Artikel.

Erfunden hat es, wenig überraschend, ein Schweizer. Allerdings ging es nicht ganz ohne deutsche Hilfe. Die Spur führt nach Solingen, also in die Stadt, die seit dem Mittelalter hochwertige Schneidewerkzeuge herstellt.

Doch zunächst alles auf Anfang. Die Geschichte beginnt 1884 in der kleinen Schweizer Gemeinde Ibach im Kanton Schwyz. Dort eröffnet Karl Elsener eine Werkstatt für Messer und chirurgische Instrumente. Davon nimmt in der Schweiz allerdings zunächst kaum jemand Notiz.

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Neues Soldatenmesser gesucht

Ende 1890 sucht das Schweizer Militärdepartement einen Hersteller für spezielle Messer. Das neue Schneidewerkzeug für Soldaten soll allerdings nicht nur eine Klinge besitzen, sondern zusätzlich einen Schraubenzieher für das damalige Gewehr „Modell 1889“, einen Dosenöffner und eine Ahle, um Löcher in Leder zu stechen. Ein Griff, vier Werkzeuge. So ein Modell benötigt das Schweizer Militär dringend, und zwar 15.000 Stück. Die Anfrage geht direkt an eine deutsche Firma in Solingen.

Beim Militär glaubt damals niemand, eine Schweizer Messerschmiede sei in der Lage, eine solch große Menge überhaupt liefern zu können. Doch die Hersteller von Messern in der Schweiz erfahren davon und protestieren lautstark. Unter den Protestierenden befindet sich unter anderem Karl Elsener. Er trommelt die zersplitterte Branche zusammen und gründet im Jahr 1891 mit 30 Kollegen den Schweizerischen Messerschmiedeverband.

Nach weiteren Berichten über die Proteste in der heimischen Presse dürfen sich endlich auch Betriebe aus der Schweiz um den Auftrag des Militärs bewerben. Karl Elsener bekommt den Zuschlag und liefert von da an die Soldatenmesser mit Sonderfunktionen. Die Ikone der Schweizer Identität beginnt also mit einem Umweg über Solingen.

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Eine Feder als geniale Geschäftsidee

Doch das Geschäft bleibt hart für Karl Elsener. Im Jahr 1892 steigen die meisten seiner Verbandskollegen wieder aus, weil die Solinger Hersteller viel günstiger produzieren können. Karl Elsener macht beharrlich weiter und schreibt dabei Jahr für Jahr rote Zahlen.

Mit einer genialen Idee gelingt dem Schweizer Messerhersteller die Wende zum Guten. Im Juni 1897 patentiert er ein leichteres Messer-Modell, mit einem Clou – eine Feder hält Werkzeuge auf beiden Griffseiten fest, statt nur auf einer. So lassen sich die Werkzeuge leichter auf- und wieder einklappen. Es ist die Geburtsstunde des „Offiziers- und Sportmessers“, schlanker und eleganter als das bisherige, eher klobige Armeemesser.

Das Schweizer Militär kauft es nie. Allerdings zeigen Offiziere und private Käufer großes Interesse an dem Messer, denn es besitzt als zusätzliches Werkzeug einen Korkenzieher. Genauso ein Messer möchten immer mehr Menschen besitzen. Elseners Firma ist gerettet.

Nun braucht es selbstverständlich noch einen Markennamen. Die Mutter von Karl Elsener heißt Victoria. Der Korpus des beliebten Messers besteht aus rostfreiem Stahl. Im Französischen nennt sich dieser „inox“. So tauft Karl Elsener im Jahr 1909, nach dem Tod seiner Mutter, seine Firma zunächst auf den Namen „Victoria“. Später ändert sich der Name zu „Victorinox“. Die Firma existiert bis heute und stellt noch immer Schweizer Taschenmesser her. Das Messer ist auf der ganzen Welt bekannt. US-Soldaten gaben ihm den Namen „Swiss Army Knife“. Das Wort „Offiziersmesser“ war den Amerikanern zu sperrig.

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Ein Klappmesser im All

Das Multifunktionswerkzeug ist bis heute ein Verkaufsschlager und beliebtes Geschenk. Seit dem Jahr 1968 gehört ein Modell zur ständigen Sammlung im Museum of Modern Art in New York.

Das Schweizer Taschenmesser, nun ein Kunstwerk, schafft es sogar bis ins Weltall. Seit den späten 1970er-Jahren gehört ein „Swiss Army Knife“ zur Standardausrüstung von NASA-Astronauten. Im All hat es sich schon oft bewährt, beispielsweise im Jahr 1995. Damals dockt der kanadische Astronaut Chris Hadfield mit dem Space Shuttle an die russische Raumstation Mir an. Doch die Luke klemmt. Spezialwerkzeug der russischen Ingenieure hilft nicht. Also greift Hadfield zu seinem Schweizer Taschenmesser: „Wir sind damit gewissermaßen in die Mir eingebrochen“, erklärt er nach seiner Rückkehr auf die Erde. Später schreibt er in einem Buch über seine Zeit als Astronaut: „Verlasse niemals den Planeten ohne eins“, also ohne ein Taschenmesser.

Die Geschichte des Schweizer Taschenmessers ist damit fast auserzählt. Bleibt noch eine offene Frage: Darf man es einfach so in der Öffentlichkeit mit sich tragen?

Waffe oder Liebhaberstück?

Das Schweizer Taschenmesser ist zum Kultobjekt geworden. Viele junge Menschen haben ein Modell von einem älteren Menschen geerbt. Doch letztlich ist es immer noch ein Messer. Ist es damit automatisch eine Waffe?

Um die Frage zu beantworten, hilft ein Blick ins Waffengesetz. Dort steht in § 42a unter anderem: „Es ist verboten, Messer mit einhändig feststellbarer Klinge (Einhandmesser) oder feststehende Messer mit einer Klingenlänge über 12 cm zu führen.“

Entscheidend ist das Wort „feststellbar“. Ein klassisches Schweizer Taschenmesser hält seine Klinge nur mit Federkraft. Feststellen lässt sich nichts. Zum Einklappen reicht leichter Druck. Damit fällt das Original in aller Regel nicht unter das Verbot, auch wenn sich manche Modelle einhändig öffnen lassen. Bei Flügen darf es allerdings nicht ins Handgepäck, sondern gehört in den Koffer.

Juristisch gesehen zählt das Schweizer Taschenmesser zu den sogenannten Gebrauchsmessern und ist damit ein reines Werkzeug. Genau dafür hat Karl Elsener das Schweizer Taschenmesser auch konstruiert, eben als Kombination aus Dosenöffner und Schraubendreher für Gewehre, nicht als Waffe.

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