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Tagelang ohne Strom und Heizung

Redakteurin von Stromausfall betroffen: „Wusste nicht, was auf mich zukommt“

Stromausfall Berlin
TECHBOOK-Redaktionsleiterin Rita Deutschbein erlebt den Stromausfall in Berlin-Zehlendorf und berichtet davon Foto: TECHBOOK / Rita Deutschbein
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Rita Deutschbein
Rita Deutschbein Redaktionsleitung TECHBOOK

6. Januar 2026, 16:57 Uhr | Lesezeit: 8 Minuten

Ein Stromausfall legt in Berlin-Zehlendorf derzeit alles lahm, was im Alltag selbstverständlich ist: Licht, Heizung, Kommunikation. Was zunächst wie eine ungeplante Pause wirkte, entwickelte sich für TECHBOOK-Redaktionsleiterin Rita Deutschbein schnell zu einer Grenzerfahrung mitten in Berlin. Ein persönlicher Bericht darüber, wie dünn die Linie zwischen Komfort und Krisenmodus wirklich ist.

Eigentlich hätte ich auf dem Weg zum Flughafen sein sollen. Auf nach Las Vegas, zur großen Technik-Messe CES. Doch als ich am Samstagmorgen um vier Uhr auf mein Handy schaute, um ein Taxi zu rufen, sah ich die SMS: „Ihr Flug wurde annulliert“, hieß es dort. Und weiter: „Wir haben Sie auf einen alternativen Flug am Sonntag umgebucht.“ Ärgerlich, aber nicht zu ändern. Was mache ich also um 4 Uhr morgens mit meiner Zeit? Richtig, erst einmal den Kollegen über die Planänderung Bescheid geben und dann einen Kaffee trinken. „Ich mache das Beste aus dem frühen Samstag“, denke ich mir. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, was auf mich zukommt.

Plötzlich wurde es dunkel und still

Es ist kurz vor 6 Uhr, als es plötzlich laut knackt und der Strom ausgeht. Zu dieser Zeit ist es draußen noch stockdunkel. Wenige Minuten später geht der Strom wieder an. Doch die Freude darüber währte nicht lange. Keine fünf Minuten später machte es erneut „Knack!“ und der Strom ging wieder aus. Und blieb es auch.

Anfangs funktionierte das Mobilfunknetz noch sporadisch, und so konnte ich auf der Website des Stromnetz Berlin nachlesen, dass die Störung bekannt ist und gegen 7:30 Uhr behoben sein soll. Doch daraus wurde nichts. Die Sonne ging auf, Berlin wurde hell, doch in der Wohnung blieb es still. Ungewöhnlich still. Kein Summen des Kühlschranks, kein Aufleuchten der Stehlampe, kein vertrautes Geräusch der Heizung. In diesem Moment begann für mich eine Erfahrung, die viele Großstädter kaum kennen: das Leben ohne Strom und Heizung – mitten im Winter.

Zwischen Irritation und Zweckoptimismus

Am Anfang hielt sich bei mir die Hoffnung hartnäckig, dass der Strom gleich wieder da ist. Noch war da ein gewisser Pragmatismus, fast so etwas wie Abenteuerstimmung. Immerhin war ich für eine 17-stündige Flugreise gerüstet. Mein E-Book-Reader war mit Lesestoff gefüllt, auf dem iPad hatte ich ein paar Filme heruntergeladen. Und alle Akkus waren voll. Selbst die Heizung gab noch Restwärme ab, sodass ich am Samstag immerhin noch in einem 19 Grad „warmen“ Wohnzimmer saß.

Mein größtes Problem zu diesem Zeitpunkt: Ich hatte vor der Dienstreise nichts mehr eingekauft. Und die Supermärkte in der Umgebung mussten wegen des Stromausfalls schließen. Wer einkaufen möchte, muss also längere Wege auf sich nehmen. Zur Not zu Fuß durch den Schnee oder mit dem Bus, wenn man kein Auto hat. Und bitte mit Taschenlampe, andernfalls sieht man bei Schnee und Dunkelheit nicht mal mehr den Bordstein.

Dunkel und kalt – so ist die Lage in Berlin-Zehlendorf noch immer für über 27.000 Haushalte
Dunkel und kalt – so ist die Lage in Berlin-Zehlendorf noch immer für über 27.000 Haushalte Foto: TECHBOOK / Rita Deutschbein

„Das Wochenende bekomme ich rum“, dachte ich mir. „So schlimm wird es schon nicht.“ Als es am Sonntag aber das zweite Mal dunkel wurde, die Temperatur in der Wohnung nur noch 17 Grad betrug und ich mich auf den Arbeitstag am Montag vorbereiten musste, war mein Enthusiasmus schon deutlich geschrumpft. Und wer sich fragt: Wollte sie nicht Sonntag nach Las Vegas fliegen? Auch dieser Flug wurde abgesagt, wegen starkem Schneetreiben in Amsterdam. Die Messe? Für mich somit erledigt. Statt Las Vegas bei 15 Grad gab es also Berlin bei –5 Grad.

Man hilft sich, wo man kann

Das Wochenende habe ich tatsächlich einigermaßen gut überstanden. Aus dem Keller habe ich die letzten batteriebetriebenen Lampen gekramt und über mein MacBook konnte ich einige Geräte aufladen. Not macht erfinderisch, und so hielt ich mit Teelichtern und einer Kanne aus der Kaffeemaschine etwas Wasser warm.

Viele Nachbarn sind in den ersten beiden Tagen geflüchtet, vor allem die älteren oder Familien mit kleinen Kindern. Einige wenige verblieben – auch ich. Wir wollten Präsenz zeigen, damit es nicht zu Einbrüchen kommt. Und aufeinander aufpassen. Was ich in dieser Situation merkte, war, dass man zusammenwächst. So borgte mir eine Nachbarin zum Beispiel einen Gaskocher, mit dem ich zumindest etwas Wasser für einen heißen Tee kochen konnte. Wer Informationen hatte, teilte sie mit den anderen.

Passend dazu: Wie man sich auf einen Stromausfall vorbereitet

Keiner wusste so wirklich, was los war

Denn das Schlimmste an den ersten zwei Tagen war, dass das Mobilfunknetz und somit das mobile Internet komplett ausgefallen sind. In der Wohnung sitzend hatten meine Nachbarn und ich somit keine Möglichkeit, uns auf den aktuellen Stand zu bringen. Gegen Samstagmittag kam zwar eine Notfallwarnung auf dem Handy an, doch diese sagte nur, dass der Strom in Berlin-Zehlendorf ausgefallen sei. Also hätten die Betroffenen dies nicht bereits bemerkt. Für weitere Informationen war ein Link zu einer Website angehängt. „Danke, das ist ja praktisch“, dachte ich, angesichts der Tatsache, dass hier nichts mehr funktioniert. Was also tun? Anziehen, raus in die Kälte und so weit laufen, bis man wieder Netz hat und sich informieren kann.

Inzwischen stand fest: Der Stromausfall ist großflächig und schwer zu beheben. Voraussichtliches Ende: Donnerstagnachmittag.

Ein kleiner Lichtblick war am Montagmorgen tatsächlich die Fahrt ins Büro. Dort warteten Wärme, funktionierendes Internet und ein warmes Essen zu Mittag. Und superliebe Kollegen. Eine von ihnen bot mir gleich an, mir am nächsten Tag einen Gaskocher mitzubringen. Ein anderer meinte, dass ich mir Stromspeicher ausleihen könnte, um zumindest etwas Notfallstrom zu Hause zu haben. Wieder ein anderer lud genau diese ins Auto und fuhr mich nach Hause. Anderenfalls hätte ich die bis zu 23 Kilogramm schweren Stromspeicher auch nicht wegbekommen.

Am Abend dann ein kleines Highlight: Kochendes Wasser aus dem Wasserkocher. Man freut sich auch über Kleinigkeiten.

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Wenn es täglich kälter wird, schwindet die Romantik

Seit Samstag sind mittlerweile vier Tage vergangen. Vier Tage ohne verlässliche Heizung, ohne Licht, ohne funktionierende Infrastruktur. Und vor allem: vier Tage, an denen die Wohnung jeden Tag ein wenig kälter wird. Mittlerweile ist die Temperatur dort auf 14 Grad gefallen. Und bis Donnerstag sind es noch zwei Tage, in denen sich die Außentemperaturen zwischen –10 und 0 Grad bewegen.

Was am ersten Abend noch mit Pullover und dicken Socken zu bewältigen war, fühlt sich nun anders an. Die Kälte setzt sich fest – in den Wänden, im Boden, in den Gedanken. Räume werden aufgegeben, Türen geschlossen, man lebt nur noch in einem kleinen, notdürftig warmgehaltenen Bereich der Wohnung. Der Atem ist morgens sichtbar, die Finger sind steif, selbst drinnen bleibt die Jacke an. Mit jedem weiteren Tag schwindet die Geduld, die Zuversicht, der Wille, das einfach „auszusitzen“.

Kerzenlicht kann gemütlich sein – für einen Abend. Spätestens am dritten Tag verliert es seinen Charme. Romantik braucht Freiwilligkeit. Doch ein Stromausfall kennt keine Wahl.

Das ständige Improvisieren ermüdet. Kochen wird zur logistischen Aufgabe, Waschen unmöglich, Arbeiten kaum realisierbar. Die Frage „Wie lange noch?“ hängt dauerhaft im Raum, scheint der Donnerstagnachmittag doch unendlich weit entfernt. Es ist inzwischen der längste Stromausfall seit Ende des Zweiten Weltkriegs in Berlin.

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Isolation trotz Nachbarschaft

Es gibt weiterhin Hilfsbereitschaft, das habe ich oben erzählt. Menschen fragen nach, teilen Steckdosen an Notstrompunkten, bringen heiße Getränke vorbei. Man trifft sich auf dem Rewe-Parkplatz und hält die Hände über ein Holzfeuer. Und doch wächst parallel ein Gefühl von Isolation. Denn jeder ist auf seine Weise betroffen, jeder kämpft mit eigenen Grenzen und der Frage, ob man bleiben oder doch nicht lieber zur Familie oder ins Hotel ziehen soll.

Der Alltag schrumpft auf Grundbedürfnisse zusammen: warm bleiben, Handy laden, essen, schlafen. Alles andere wird nachrangig. Selbst Gespräche kreisen irgendwann nur noch um Temperaturen, Reparaturzeiten und diverse Fragen. Kommt der Strom heute zurück? Und überstehen die Leitungen die Minusgrade? Droht nach dem Stromausfall das große Heizungs-Chaos?

Durchhalten hat Grenzen

Langsam entwickelt sich die Situation zu einer psychischen Belastung. Der Schlaf ist unruhig, die Gedanken kreisen. Die permanente Kälte, das Fehlen von Rückzugsmöglichkeiten, die Unsicherheit über den nächsten Tag – all das zerrt an den Nerven.

Ein mehrtägiger Stromausfall verändert nicht nur Routinen, sondern auch Stimmungen. Was ich am Anfang mit Humor und Pragmatismus sehen konnte, wird mit jedem weiteren Tag schwerer. Der Stromausfall in Zehlendorf zeigt, wie schnell Komfort, Sicherheit und Selbstverständlichkeit brüchig werden.

Wenn der Strom zurückkehrt, wird es warm und hell werden. Aber das Gefühl, wie es ist, wenn Romantik schwindet und Kälte bleibt, wird noch lange nachwirken.

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