20. April 2026, 14:44 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Jahrelang sah der Garten von myHOMEBOOK-Autorin Katharina Petzoldt gepflegt aus, fühlte sich für sie aber vor allem nach Arbeit an. In der Mitte ein perfekter Rasen, am Rand Ziersträucher und dazwischen diese ewige Rasenkante. Heute reicht es ihr, im Garten den groben Rahmen zu stecken. Das macht den Garten lebendiger. Und sie weniger kleinlich. Wie sich ihre Meinung über einen Naturgarten geändert hat, verrät sie myHOMEBOOK.
Was ist wichtiger: Garten oder Zeit?
Wir verbringen viel Zeit damit, Linien im Garten zu verteidigen, die es eigentlich gar nicht gibt. Wir trimmen Rasenkanten mit einer Hingabe, als ginge es um Staatsgrenzen zwischen „hier Halm“ und „dort Beet“. Aber die Natur arbeitet selten mit so harten Kanten. Eher mit Übergängen. Wer die Rasenkante einfach mal in Ruhe lässt, beendet einen Kampf gegen ein Phantom und gewinnt plötzlich etwas zurück, was viel kostbarer ist als ein ordentlicher Streifen Gras: Zeit für andere Dinge.
Früher war ich selbst ein hartnäckiger General in diesem Konflikt. Ich erinnere mich an einen Nachmittag, an dem in meinem raspelkurz gemähten Rasen ein trockenes Birkenblatt aus einem kleinen Loch ragte. In meinen Augen sah das unordentlich aus. Also zog ich es heraus. Erst mit einigem Abstand wurde mir klar, wem ich da gerade ins Handwerk gepfuscht hatte.
Die Vorteile vom Gärtnern im Rahmenbeet
Welche Materialien sich für eine Beeteinfassung eignen
Zwischen Perfektion und Gartenliebe
Man muss sich das mal vorstellen: Ich habe einem Regenwurm das Frühstück geklaut, damit mein Garten so aussieht, als hätte ich ihn gerade gesaugt und gewischt. Vielleicht war das der Gipfel einer absurden Kontrollwut, die man sich gerne als Gartenliebe schönredet, während man in Wahrheit nur versucht, alles Leben im Garten so zu gängeln, dass es sich wie ein Wohnzimmerparkett verhält.
Irgendwann habe ich eine klare Kante gezogen – gegen die klare Kante – und habe meinen Garten zum Naturgarten gemacht. Heute stapele ich Totholz auf, lasse meine Wildobsthecke wuchern und werfe das meiste Unkraut nicht in die Biotonne, sondern lasse es als Mulch im Beet liegen. Das ist weder Kapitulation noch Faulheit, sondern eine Entscheidung – für einen Naturgarten. Ich arbeite immer noch sehr viel im Garten. Ich habe nur umsortiert. Weniger Zeit für Kanten und Perfektion, mehr Zeit für Obst, Gemüse und Kräuter und für eine Gartengestaltung, die Lebensräume schafft. Ich setze jetzt nur noch den Rahmen, den Rest übernehmen die Experten vor Ort: Regenwürmer, Bienen, Pilze.
Auch interessant: Darauf sollte man bei einem naturnahen Garten achten
Die Natur einfach mal machen lassen
Die Natur weiß nämlich ziemlich genau, was sie tut, und funktioniert oft besser, wenn man ihr nicht ständig dazwischenfunkt. Das erfordert am Anfang vielleicht etwas Mut, aber nach und nach kommt Leben in den Garten, das dort vorher keinen Platz hatte. Da parkt eine Holzbiene mit lautem Brummen in einer Stockrosenblüte ein und kommt gelb eingepudert wieder hervor. Und eine Eidechse sonnt sich auf der Trockenmauer.
Ich bilde mir nicht ein, dass man mit ein paar Quadratmetern naturnahem Garten das Artensterben stoppen kann. Der eigentliche Hebel liegt in der Politik. Aber im Alltag hilft es, einen Ort zu haben, an dem Entscheidungen nicht nur diskutiert und getroffen werden, sondern Folgen haben. Im Garten ist das sofort sichtbar: Wo ich alles aufräume und begradige, wird es still. Wo ich Platz lasse, kommt Leben zurück. Das ist klein, aber es ist konkret.
Diese neue Gelassenheit in meinem Naturgarten tut gut: Den Regenwurm lasse ich mittlerweile machen, wie er will. Ich ziehe nicht mehr an seinem Frühstück. Ich schaue ihm nur noch zu und lasse, im Beet wie im Kopf, die Dinge einfach mal sacken.