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Gegen Wohnungsnot

Bauministerin fordert „serielles Bauen“ – kommt jetzt der Plattenbau zurück?

Serielles Bauen: Ostberliner Plattenbau mit bunt bemalter Fassade
Bonjour Tristesse: Können bunt bemalte Fassaden einen Plattenbau einladender gestalten?Foto: Getty Images

Um Wohnraum zu schaffen, soll das serielle Bauen unterstützt werden. Aber was ist das eigentlich? Kommt jetzt der Plattenbau zurück? Ein Experte erklären auf Anfrage von myHOMEBOOK, was die Vor- und Nachteile beim seriellen Bauen sind.

Auch 2022 ist vielerorts bezahlbarer Wohnraum knapp. Die neue Bundesregierung plant, dass jährlich 400.000 neue Wohnungen entstehen sollen. „Um den Prozess zu beschleunigen, werden wir Modelle für serielles Bauen starten“, sagt Bundesbauministerin Klara Geywitz (SPD) in einem Interview mit dem Radiosender „Bayern 2“. Diese Bauform entlaste den Bauprozess, mache ihn schneller und vermeide auch sehr viel Baulärm. Und auch die Bauzeiten in den Innenstädten lassen sich dadurch verkürzen.

Was ist eigentlich serielles Bauen?

Udo Sonnenberg ist Geschäftsführer beim Verband Deutscher Architekten- und Ingenieurvereine (DAI). Er erklärt auf Anfrage von myHOMEBOOK: „Beim seriellen Bauen geht es um nicht an der Baustelle gefertigte Teile. Die sind in einem industriellen Maßstab genormt. Man kann aber auch komplette Module anwenden, zum Beispiel in der ‚Container-Bauweise‘. Das Gleiche gilt natürlich für die Sanierung.“ Hier könne man laut Sonnenberg nach dem Energiesprong-System arbeiten.

Hinter der etwas merkwürdigen Bezeichnung verbirgt sich ein effizientes, energetisches Sanierungskonzept für Gebäude, das bis 2013 zurückreicht. „Energiesprong“ stammt aus dem Niederländischen und bedeutet „Energiesprung“.

Die Vorteile von seriellem Bauen

Sonnenberg meint, dass man durch serielles Bauen schnell und großflächig Wohnfläche errichten könne. Der Haken: Damit die Baukosten nicht ausufern, braucht es im Vorfeld eine sorgfältige Planung. „Wenn große Module oder Elemente, die andernorts vorgefertigt werden, auf der Baustelle nicht passen, kommt es rasch zu Verzögerungen und Kostensteigerungen.“

Stimmt allerdings die Planung und Fertigung der Bauelemente im Vorfeld, bietet die serielle Bauweise weitere Planungssicherheit. Udo Sonnenberg sagt: „Elemente können immer nach den gleichen Qualitätsvorgaben und Prüfnormen erstellt werden. Das bietet auch den Planern und Bauschaffenden Sicherheit.“

Welche Nachteile sind durch serielles Bauen zu befürchten?

Seriell schnell gebaut, aber hässlich und unwohnlich? Das ist nicht mehr der Fall wie in vergangenen Zeiten. „Bauteile, die in Serie gefertigt sind, schränken keineswegs die Ästhetik oder den Wohnkomfort ein“, meint Sonnenberg. Schon lange setze man in der Fassadentechnik seriell gefertigte und vielfältig gestaltete Elemente ein.

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Reicht der Platz für Neubauten in deutschen Städten?

Fraglich. Vielerorts wird der Wohnraum und Baugrund knapp und knapper. Für Stadtplaner sind die Baupläne des neuen Bauministeriums eine Herausforderung. „Wo gibt es in deutschen Städten noch so großzügig Platz, dass im großen Stil modular einheitlich neu gebaut werden könnte?“, fragt Udo Sonnenberg.

Seiner Meinung nach ist das der große Kritikpunkt. „Wir müssen uns mit dem Bestand befassen. Hier hat eher die Dachaufstockung und energetische Sanierung Chance auf Serie. Insgesamt gibt es die Serienproduktion von Bauteilen schon lange.“ Ein neues Phänomen sei das nicht mehr, erklärt der Experte.

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Erlebt der Plattenbau eine Renaissance?

Serielles Bauen war in den 1970er Jahren das Rezept gegen die allgemein grassierende Wohnungsnot. Vor allem in der DDR, aber auch in der BRD, setzte man auf die Bauform mit vorgefertigten Bauteilen. Serielles Bauen versprach, schnell und effizient dringend benötigten Wohnraum zu schaffen. Für viele Menschen bedeutete das Wohnen in der sogenannten „Platte“ besseren und bezahlbaren Wohnkomfort. Andere schreckten die großflächig errichteten Plattenbau-Siedlungen ab. In der BRD war der Begriff „Arbeiter-Schließfächer“ allgegenwärtiges Synonym für die meist einheitlich gestalteten Wohnungen.

Wenn jetzt das Bauministerium auf serielles Bauen setzt, sträuben sich bei manchen Menschen die Haare. Aber ist die Angst berechtigt? Kommt der Plattenbau im großen Stil zurück? Udo Sonnenberg: „Wohl eher nicht, weil nicht ganze Stadtteile eingerissen und modular wieder aufgebaut werden.“ Die bauliche Vielfalt leide mitunter auch schon heute. „Wo es denn überhaupt möglich ist, wird die bauliche Vielfalt durch serielles Planen und Bauen nicht zusätzlich eingeschränkt.“

Was bedeuten die Pläne zum seriellen Bauen für private Bauherren?

Von den 400.000 Wohnungen, die pro Jahr entstehen sollen, sollen ungefähr ein Viertel durch öffentliche Investitionen und sozialem Wohnungsbau realisiert werden. Dies soll nun durch serielles Bauen vorangetrieben werden. „Die restlichen 300.000 Wohnungen werden auf private Wohnungsbaugesellschaften und – folgt man den Zahlen des Statistischen Bundesamtes – auf rund 150.000 selbstnutzende Wohneigentümer entfallen“, erklärt Erik Stange.

Stange ist Pressesprecher beim Bauherren-Schutzbund. Er erwartet, dass Bauministerin Geywitz auch zeitnah Pläne vorlegen solle, wie die Bundesregierung plant, selbstnutzende Wohneigentümer auf dem Weg ins neue Eigenheim zu unterstützen. „Denn ohne die privaten Bauherren werden die ambitionierten, wohnpolitischen Ziele nicht erreicht werden können“, sagt Erik Stange.

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