17. April 2026, 6:03 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Minimalismus zeichnet sich nun bereits seit vielen Jahren als Trend ab. Dabei handelt es sich nicht nur um einen Einrichtungsstil, sondern um einen Lebensstil. Menschen leben bewusst reduziert. myHOMEBOOK-Redakteurin Lena Hackauf kann Minimalismus in der Wohnung jedoch nicht viel abgewinnen. Ein gemütliches Zuhause, minimalistisch eingerichtet – ein Widerspruch für die Autorin.
Gerade in wirtschaftlich prekären Zeiten zeigt sich eigentlich, dass der Gegentrend des Maximalismus bevorzugt wird. Unsicherheit verstärkt das Bedürfnis nach Sicherheit. Und eine maximalistisch eingerichtete Wohnung mit vielen Dingen gibt diesen Halt. Und trotzdem: Minimalismus verschwindet nicht. Im Gegenteil: Er bleibt als hartnäckiger Trend stehen. Ein Grund könnte die scheinbare Kontrolle sein, die der Lebensstil verspricht.
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Minimalistisch leben – was bedeutet das?
Minimalismus ist mehr als nur ein Einrichtungsstil. Es ist eine Lebensart, die besagt: Weniger ist mehr. Es geht darum, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Bewusst auswählen, um das Leben und die Wohnung zu kuratieren. Dinge, die als überflüssig oder Ballast empfunden werden, gilt es zu reduzieren. Für die Einrichtung der Wohnung lautet die Übersetzung: leere Regale, weiße Wände, ein Tisch, ein Stuhl und irgendwo vielleicht eine perfekt drapierte Zimmerpflanze. Dazu die Verheißung: weniger Besitz, mehr Freiheit, mehr Glück. Das hört sich vielleicht gut an, ist aber nicht für alle erstrebenswert und manchmal sogar ziemlich realitätsfern.
Nicht falsch verstehen: Es ist sinnvoll, bewusst zu leben und zu konsumieren. Es ist gut, das eigene Kaufverhalten zu hinterfragen und sich nicht im Überfluss zu verlieren. Allerdings unterscheide ich zwischen einer bewussten und einer zwanghaften Ausführung. Minimalismus kippt schnell ins Dogmatische. Plötzlich wird jedes Objekt bewertet und kritisch beäugt. Dabei sollte Wohnen kein Regelwerk sein.
Mein Zuhause ist kein Showroom
Minimalistische Wohnungen wirken oft wie inszeniert, fast wie ein Konzept oder eine Ausstellungstätte. Die Ästhetik ist dabei erstaunlich einheitlich. Gedeckte Farben, viel Beige, Weiß und Holztöne. Alles wirkt aufgeräumt, glatt und kontrolliert. Aber auch langweilig, traurig und ungemütlich. Man betritt solche Räume und fragt sich unwillkürlich, ob man sich überhaupt hinsetzen darf. Insbesondere der wohnliche Aspekt des Trends verdeutlicht, dass Minimalismus nur so lange gut klingt, bis man merkt, wie leer sich das echte Leben darin anfühlt. Indem man Bilder, Erinnerungsstücke und andere sichtbare Geschichten reduziert, nimmt man seinem Zuhause gerade das, was ihm eigentlich Wärme bringen sollte.
Minimalismus ist anstrengend. Der Wohntrend funktioniert nur, wenn er konsequent durchgezogen wird. Alles muss seinen Platz haben und sofort weggeräumt werden. Ein liegen gelassener Brief fällt in einer minimalistischen Wohnung sofort auf. Und auch ein nicht perfekt gestyltes Regal wirkt plötzlich wie ein Bruch im System. Obwohl Minimalismus Ruhe und Ordnung verspricht, kann gerade das mehr Stress erzeugen.
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Bewusst weniger besitzen ist ein Privileg
Es hört sich paradox an, aber bewusst wenig zu besitzen, das kann sich nicht jeder leisten. Minimalismus wird dahingehend gerne als moralisch überlegen dargestellt. Doch oft ist er ein Ausdruck von Wohlstand. Wer (freiwillig) wenig besitzt, aber jederzeit Zugriff auf alles hat, lebt anders als jemand, der (unfreiwillig) wenig besitzt, weil er wenig hat. Oder, zugespitzt gesagt: Minimalismus ist wie ein Cosplay von Armut, performativ reduziert, obwohl im Hintergrund teilweise großer Wohlstand steht.
Ein Blick zu den Reichen dieser Welt macht das besonders deutlich: Früher stellte der Adel seinen Wohlstand durch prunkvolle Räume, Ornamente und opulente Einrichtung zur Schau.
Damals wurden Möbel, Tapeten und prächtige Verzierungen aufwendig von Hand hergestellt. Durch die industrielle Revolution werden heutige Einrichtungsgegenstände in der Fabrik produziert. Das macht sich im Preis bemerkbar. Auch Otto-Normal-Verdiener können sich im 21. Jahrhundert den royalen Look nach Hause holen – zumindest optisch. Doch die obere Schicht möchte sich optisch natürlich trotzdem abheben. Und wie? Durch bewusstes Reduzieren – zumindest optisch. Ganz unter dem Motto „Quiet Luxury“ als neues Statussymbol.
Die „leere“ Villa von Kim Kardashian, US-amerikanische Medienpersönlichkeit, bezeugt dies eindrucksvoll: große, aber bewusst leer gehaltene Räume. Diese „Leere“ ist dabei jedoch kein Verzicht, sondern ein (teures) Stilmittel. Minimalismus bedeutet Qualität über Quantität. Versteckter Stauraum und clevere Lösungen für den unsichtbaren Alltag, umgesetzt mit hochwertigen Materialien. Das hat seinen Preis.
Die Sache mit der Nachhaltigkeit
Minimalismus gilt oft als nachhaltig. Es liegt auf der Hand: Wer wenig konsumiert, reduziert den eigenen CO2-Verbrauch. Grundsätzlich stimmt das auch. Doch ganz so einfach ist es nicht. In der Praxis bleibt der Umweltgedanke beim Minimalismus häufig oberflächlich, wie „Quarks“ berichtet. Denn wer radikal ausmistet, produziert zunächst einmal Abfall. Zudem kommt, dass aussortierte Stücke in vielen Fällen durch neue ersetzt werden.
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Freude am Mehr
„Deine Wohnung ist so … voll.“ Das sagte mein Partner einmal zu mir, als ich ihn fragte, ob er sich bei mir wohlfühlt. Und ja, er fühlt sich wohl, nur den Kommentar musste er dennoch loswerden. Doch er hat recht, ich bin Fan von verspielten Details, Mustermix und Kleinigkeiten, die man entdecken kann. Genau das macht Räume interessant, gemütlich und lebendig. Auch in fremden Wohnungen macht es Spaß, Dinge zu entdecken und dadurch ein Gefühl für die Persönlichkeit der Bewohner zu bekommen. Es muss ja nicht gleich Maximalismus sein, aber eben auch nicht Minimalismus.
Oft hört man, dass man sich an maximalistisch eingerichteten Wohnungen sattsehen könne. Ich bin überzeugt, dass man sich an einer leeren, weißen Wand vermutlich schneller satt sieht. Immerhin ist da nichts, woran das Auge hängenbleiben kann, nichts, das immer wieder neue Details preisgibt. Und außerdem: Einrichtung ist nichts Statisches. Man kann sie verändern. Durch Secondhand-Möbel und Flohmarktfunde kann man das auch nachhaltig und preiswert gestalten.
Wohnen soll Freude machen. Es sollte inspirieren, beruhigen, beleben – je nach Stimmung. Dieses Potenzial sehe ich im Minimalismus oft nicht. Ganz im Gegenteil habe ich eher das Gefühl, ein Strohballen könnte quer durchs Wohnzimmer rollen wie in einem alten Westernfilm. Die Leere macht es möglich.
Bitte keinen Trend zum Maximalismus!
Was ist eigentlich Maximalismus?
Und draußen?
Ein kurzer Blick in den Garten, der für viele als Erweiterung des Wohnraums betrachtet wird: Unter freiem Himmel wird besonders deutlich, dass Minimalismus sogar problematisch werden kann. Eine reduzierte Bepflanzung, viel Rasen und ein paar Gräser sind typische Merkmale eines minimalistischen Gartens. Das mag für den Menschen ordentlich aussehen. Für Insekten ist es hingegen oft eine ökologische Wüste. Besonders lebensfeindlich sind Schottergärten. Sie bieten weder Schutz noch Nahrung für heimische Tierarten. Der Garten macht deutlich: Reduktion ist nicht automatisch besser. Manchmal ist Vielfalt die nachhaltigere Wahl.
Fazit: Mehr Mut zur Fülle
Minimalismus ist eine Option, aber kein Ideal, das für alle gelten muss. Ein Zuhause darf voller Erinnerungen und Details sein. Es darf sich verändern und wachsen. Und ja, ein Zuhause darf auch mal chaotisch sein. Am Ende zählt nicht, wie wenig wir besitzen, sondern wie wir unser Leben in unseren Räumen gestalten.
Übrigens: Meine Kollegin Odett Schuhmann sieht es anders als ich. Sie vertritt die Meinung, dass Maximalismus ein Problem ist. Hier geht es zum Artikel.