19. Juni 2026, 7:06 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Seit Jahrhunderten ist Wohnen mehr als nur ein Dach über dem Kopf. Unsere Wohnungen erzählen etwas über uns. Sie zeigen, welche Prioritäten wir haben, wie wir leben und oft auch, wie viel Geld wir ausgeben können oder wollen. Besonders deutlich wird das bei Designermöbeln. myHOMEBOOK-Autorin Lena Hackauf kann durch einen teuren Sessel jedoch nur wenig beeindruckt werden.
Der berühmte „Eames Lounge Chair” von Vitra gilt längst als Ikone der Möbelgeschichte. Schwarzes oder weißes Leder, eine geschwungene Sitzschale aus Holz, zeitloses Design. Je nach Ausführung kostet das Möbelstück samt Hocker rund 12.000 Euro. Und obwohl ich nachvollziehen kann, warum dieses und viele weitere teure Designermöbel so berühmt geworden sind, löst diese Zahl bei mir vor allem eine Reaktion aus: Schulterzucken. Nicht, weil ich gutes Design nicht schätzen würde. Im Gegenteil. Ich mag Möbel, die durchdacht sind, hochwertig verarbeitet und lange genutzt werden können. Qualität hat ihren Preis. Handwerk ebenfalls. Das steht außer Frage. Doch je teurer ein Möbelstück wird, desto häufiger scheint es nicht mehr um das Möbelstück selbst zu gehen.
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Wenn Möbel zum Statussymbol werden
Designklassiker haben die Möbelwelt geprägt. Ihre Formen werden bis heute kopiert und neu interpretiert. Viele dieser Entwürfe haben ihren Platz in der Designgeschichte vollkommen verdient. Trotzdem habe ich manchmal das Gefühl, dass nicht das Design bewundert wird, sondern der Preis. Denn wie bei vielen Luxusgütern funktioniert auch bei Designermöbeln ein Teil der Faszination über Exklusivität. Sie sind begehrt, jedoch nicht für jeden erschwinglich. Wer einen Sessel mit fünfstelligem Preisschild besitzt, demonstriert damit zwangsläufig auch Kaufkraft.
Das mag unangenehm klingen, aber Wohnen ist immer auch eine gesellschaftliche Frage. Wohnraum, Einrichtung und Besitz sind eng mit sozialem Status verknüpft. Gerade deshalb lässt sich die Diskussion über Luxusmöbel auch nicht einfach als Geschmacksfrage abtun. Wenn wir eine USM-Kommode oder eine Wagenfeld-Leuchte sehen, verbinden wir damit sofort bestimmte Vorstellungen: hochwertig, stilvoll, zeitlos (und teuer). Diese Zuschreibungen kommen nicht von ungefähr. Sie wurden über Jahrzehnte durch Designgeschichte, Medien, Marken und kulturelle Konventionen geprägt. Das Problem beginnt dabei dort, wo wir anfangen, finanzielle Exklusivität mit ästhetischer Überlegenheit zu verwechseln.
Natürlich kann ein Möbelstück hervorragend designt sein. Aber wird ein Sessel wirklich schöner, weil der Preis besonders hoch ist? Oder finden wir ihn vielleicht auch deshalb begehrenswert, weil ihn sich nur wenige Menschen leisten können? Gerade in der Welt des Interiors verschwimmen diese Grenzen oft. Wer bestimmte Designklassiker besitzt, signalisiert nicht nur einen bestimmten Einrichtungsstil, sondern auch kulturelles und finanzielles Kapital. Damit werden verschiedene Designermöbel zu Botschaftern für Privilegien.
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Teure Möbel werden oft mit gutem Geschmack verwechselt
Wenn ich eine Wohnung betrete, beeindruckt mich nicht der teuerste Gegenstand. Mich beeindruckt, wenn jemand eine eigene Handschrift entwickelt hat. Es liegt auf der Hand: Geschmack ist auf höchstem Level subjektiv. Für mich persönlich zeigt sich Geschmack jedoch nicht darin, die bekanntesten Designklassiker zu kaufen. Geschmack zeigt sich für mich vielmehr dort, wo Menschen unabhängig von ihrem Budget etwas Eigenes schaffen. Wo Räume Persönlichkeit ausstrahlen statt Preisschilder. Wo nicht die Kosten eines Möbelstücks im Mittelpunkt stehen, sondern die Idee dahinter.
Wer genügend Geld hat, kann sich die Möbel kaufen, die ohnehin als stilvoll gelten. Das allein macht eine Wohnung aber noch nicht interessant.
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Möbel sind zum Benutzen da
Es kann viel Spaß bereiten, Räume einzurichten, Möbel auszuwählen und sich Stück für Stück eine Umwelt zu schaffen, in der man sich wohlfühlt. Aber irgendwann wird auf dem Sofa Kaffee verschüttet, der Esstisch bekommt Kratzer. Kinder hinterlassen Spuren oder – wie in meinem Fall – erbricht das Haustier immer auf dem Teppich, anstatt auf den Fliesen ein paar Meter weiter. In jedem Fall ist es ärgerlich, wenn das Leben auf Mobiliar und Einrichtung Spuren hinterlässt.
Dennoch kann ich es auch nicht verstehen, wenn Möbel behandelt werden, als wären sie Kunstwerke hinter Panzerglas. Am Ende des Tages soll man auf einem Sessel sitzen können, ohne ständig an den Preis zu denken. Designermöbel sind da irgendwo in einer Grauzone. Einerseits Möbelstück und damit Gebrauchsgegenstand, andererseits (teilweise) Kapitalanlage. Um den Wert eines Möbels zu steigern, sollte es natürlich auch noch nach 10 oder 20 Jahren kaum Gebrauchsspuren aufweisen. Verständlich, wenn man Sessel, Regal oder Lampe kaum benutzen möchte. Für mich verliert ein Möbelstück jedoch einen Teil seines Sinns, wenn die Sorge um seinen Wert größer wird als die Freude an seiner Nutzung. Am Ende des Tages ist das Zuhause kein Museum, sondern ein Ort, an dem gewohnt wird.