15. März 2026, 6:13 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Wenn im Frühjahr die ersten Igel durch die Gärten streifen, möchten viele Gartenbesitzer den Tieren helfen – schließlich wirken sie nach dem Winterschlaf oft ausgemergelt. Doch genau hier beginnt die Debatte: Während manche Experten zur Fütterung raten, warnen andere ausdrücklich davor. Droht den Tieren durch gut gemeinte Hilfe womöglich sogar Gefahr?
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Warum wirken Igel im Frühjahr so geschwächt?
Schon Ende März lassen sich bei mildem Wetter die ersten Igel im Garten beobachten. Während des Winterschlafs haben sie ausschließlich von ihren zuvor angelegten Fettreserven gelebt. Entsprechend schlank – teilweise sogar abgemagert – erscheinen viele Tiere nach dem Erwachen. Kein Wunder also, dass viele Menschen vermuten, die Igel seien unterernährt und bräuchten dringend zusätzliches Futter. Zahlreiche Internetseiten empfehlen tatsächlich, die Tiere im Frühjahr zu unterstützen, damit sie schneller wieder zu Kräften kommen.
Gleichzeitig gibt es warnende Stimmen: Wer den Stachelträgern direkt nach dem Aufwachen größere Mengen Futter anbietet, könne mehr schaden als helfen. Im Extremfall könne das sogar tödlich enden.
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Gefahr durch Fütterung direkt nach dem Winterschlaf?
Auf Instagram machten die Autorinnen Sigrid Tinz und Birgit Schattling, Autorin und Veranstalterin der Bio-Balkon-Kongresse, bereits im vergangenen Jahr auf ein wenig bekanntes Problem aufmerksam. Denn selbst auf Seiten von Naturschutzorganisationen wird häufig empfohlen, Igel in nahrungsarmen Zeiten zuzufüttern.
Tinz und Schattling raten jedoch ausdrücklich davon ab, Igel unmittelbar nach dem Winterschlaf zu füttern. Der Organismus laufe zu diesem Zeitpunkt noch auf Sparflamme. Erhalte das Tier nun eine große Portion Futter, könne der Stoffwechsel aus dem Gleichgewicht geraten. Im schlimmsten Fall drohten Organversagen oder Herzstillstand – und damit der Tod des Igels. Wissenschaftliche Studien, die diese Gefahr eindeutig belegen, gibt es allerdings nicht.
In der Aufwachphase ist Wasser besonders wichtig
Das Schweizer Igelzentrum weist darauf hin, dass Igel, die in menschlicher Obhut überwintert und nach dem Aufwachen noch nichts gefressen haben, in den ersten drei Tagen schrittweise an Futter gewöhnt werden sollten. Diese Empfehlung gilt jedoch in erster Linie für pflegebedürftige Tiere.
Bekommen Igel sofort die übliche Futtermenge, kann es zu einer Magenüberladung kommen. Der Verdauungstrakt müsse sich erst wieder an die Nahrungsverwertung gewöhnen. In der Regel dauert es etwa acht Tage, bis ein Igel nach dem Winterschlaf wieder vollständig aktiv ist. Während dieser Phase ist vor allem eines entscheidend: Wasser. Wer eine Futterstelle im Garten betreibt, sollte daher zunächst frisches Wasser bereitstellen und Futter nur langsam und in kleinen Mengen anbieten. Auch in der Natur ist das Nahrungsangebot zu Beginn des Frühjahrs noch begrenzt.
Ganzjährige Fütterung – ja oder nein?
Die Meinungen gehen auch grundsätzlich auseinander. Naturschutzbehörden wie der BUND Naturschutz in Bayern e.V. sprechen sich gegen eine ganzjährige Fütterung aus, da diese zu Verhaltensänderungen bei Igeln führen könne.
Igelstationen vertreten hingegen oft eine andere Position. Cornelia Schlicker von Anton’s Igelpension erklärt auf Anfrage: „Bei einem Insektenrückgang von über 70 Prozent ist es absolut wichtig, dass den Tieren Futter angeboten wird.“ Igel seien durchaus in der Lage, ihre Nahrungsaufnahme selbst zu regulieren: „Ich habe noch nicht erlebt, dass die Tiere sich maßlos überfressen haben.“
Auch das Projekt „NatureTec“, das Wildvögel und Igel beobachtet und füttert, spricht sich klar für eine Unterstützung aus. Aufgrund des Insektensterbens fänden Igel immer weniger Nahrung in der Natur. Schätzungen zufolge überleben 60 bis 80 Prozent der Jungigel ihren ersten Winter nicht, weil sie nicht ausreichend Futter finden. Sinkende Bestände und zunehmende Unterernährung zeigten, dass das natürliche Nahrungsangebot vielerorts nicht mehr ausreiche – und machen eine Fütterung notwendig.
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„Igel bitte nicht füttern!“
Das Schweizer Igelzentrum vertritt hingegen eine klare Gegenposition: „Igel bitte nicht füttern!“ Zwar sei die Fütterung frei lebender Tiere gut gemeint und habe auch eine soziale Komponente. Dennoch bleibe der Igel ein Wildtier, das nicht auf menschliche Kontakte angewiesen sei. Igel gezielt mit Futter anzulocken, sei „falsch verstandene Tierliebe“. Hinzu kommt ein weiterer Aspekt: An Futterstellen treffen mehr Igel aufeinander als unter natürlichen Bedingungen, erklärt der BUND Naturschutz in Bayern e.V. Das bedeutet nicht nur Stress und Konkurrenz, sondern erhöht auch das Risiko der Krankheitsübertragung.
Eine individuelle Entscheidung
Ob man Igel im Frühjahr füttert oder nicht, bleibt letztlich eine persönliche Entscheidung. Die Sorge, allein durch eine maßvolle Fütterung unmittelbar den Tod der Tiere zu riskieren, dürfte allerdings gering sein. Entscheidend ist – wenn man sich für eine Unterstützung entscheidet –, behutsam vorzugehen und die Bedürfnisse der Wildtiere im Blick zu behalten.