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Architektur-Stil im Check

Was ist eigentlich Brutalismus?

Der Velasca-Wolkenkratzer in Mailand wurde 1954 von BBPR Architekten erbautFoto: Getty Images

Unverwechselbar sind sie allemal, die Bauten der Architekturströmung Brutalismus. Sie erscheinen monströs, einschüchternd, raumgreifend und monumental zugleich. Dieser unverblümte Stil polarisiert wie kein anderer und hinterlässt wohl bei jedem einen nicht gleichgültigen Eindruck.

Auch wenn man bei Brutalismus gleich an gigantische, hässliche und düstere Betonbauten denkt, ist der Begriff, der oft mit dem deutschen Wort „Brutalität“ verwechselt wird, von anderer Bedeutung. Brutalismus findet seinen Ursprung im Französischen. „Béton brut“ heißt auf Deutsch so viel wie „roher Beton“ uns ist auch als Sichtbeton bekannt. Warum dieses Material so viele Anhänger weltweit fand und welche Bauwerke zu den beeindruckendsten gehören, zeigen wir Ihnen in diesem Beitrag.

Brutalismus und dessen Ursprung

Brutalismus hat seinen Ursprung im England der Nachkriegszeit. Das Architekten-Duo Alison (1928-1993) und Peter Smithson (1923-2003) suchten in den 50er-Jahren nach einem Begriff, mit dem sie einen Entwurf für ein minimalistisches Haus im Londoner Stadtteil Soho beschreiben konnten. Weil auch wirtschaftliche Aspekte eine große Rolle spielten, war Sichtbeton für die Umsetzung gut geeignet. Aber nicht nur das: Alison und Peter Smithson hatten das Material schon vorher ins Visier genommen. Denn nichts passte besser zu den damaligen Lebensverhältnissen als ein Baustoff der „Ethik, aber nicht Ästethik“ widerspiegelte.

Übrigens: Alison und Peter Smithson gelten als Vertreter des „Neuen Brutalismus“. Sie lernten sich während des Architekturstudiums kennen und bildeten eine Architekten-Gemeinschaft. Schon früh bekam das Ehepaar einen bedeutenden Auftrag. Dieser verhalf ihnen schneller als normalerweise üblich, sich auf dem Markt zu etablieren.

Merkmale Brutalismus

  • Sichtbeton (der Baustoff wird roh verwendet, nicht verkleidet)
  • Konstruktion bleibt sichtbar
  • Grundriss bleibt transparent
  • Unverputzter Beton als Gestaltungsmittel
  • Die Muster der Schalenbretter sind erkennbar
  • Große Blockformen
  • Monumental

Betonmonster gegen Wohnungsmangel

Schon bald wuchsen Anfang der 60er und 70er Jahre turmweise blockartige Sozialbauten in London aus dem Boden. Vielleicht waren die Bauten als eine Art Antwort auf die im Krieg zerstörten Häuser zu verstehen. Aber auch der Massen-Wohnungsbau in Sichtbeton hatte europaweit Hochkonjunktur! Der „Trellick Tower“ als Beispiel ist ein 31-stöckige Wohnanlage in North Kensington in London. Dieses Hochhaus wurde ganz im Stil des Brutalismus von 1968 bis 1972 erbaut. Es galt lange als eines der höchsten Bauwerke Englands. Heute steht der Betonkoloss unter Denkmalschutz.

Der Trellick Tower von Erno Goldfinger in der Golborne Road, West LondonFoto: Peter Trulock/Fox Photos/Getty Images

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Les Choux de Créteil: Beton-Wohntürme in Paris

Auch in Paris machten die kolossalen Sichtbetonbauten keinen Halt. So entstanden im Pariser Stadtviertel Crétel schon fast kunstvolle Konstrukte, die mehr oder weniger einer Pflanzengestalt glichen. Von dem Architekten Gérard Grandval entworfen und 1974 fertiggestellt, ragen diese zehn zylindrische Türme mit jeweils 15 Stockwerken und geschwungenen Betonbalkonen vertikal aus dem Boden.

Übrigens: Diese Wohntürme „Les Choux de Créteil“ werden auch als „die Kohlköpfe“ belächelt.

Die Choux de Créteil Wohntürme wurden von dem französischen Architekten Gérard Grandval und seinem Team entworfenFoto: Getty Images

Architekten, die im Stil des Brutalismus bauten

  • Le Corbusier
  • Paul Rudolph Hall
  • Lina Bo Bardi’s
  • Marcel Breuer
  • Chamberlin, Powell and Bon
  • Gerhard Kallmann and Michael McKinnnell
  • Ernie Goldfinger
  • Paulo Mendes da Rocha
  • BBPR Architekten
  • William Pereira
  • Moshe Safdie

Habitat 67

Habitat 67
Das Habitat 67 wurde als Teil der Weltausstellung Expo 67 in Montreal errichtetFoto: Getty Images

Auch eine Idee, die Wohnungsproblematik zu lösen: Das Habitat 67 wurde als Teil der Weltausstellung Expo 67 im Jahre 1967 in Montreal errichtet und von dem jungen Architekten Moshe Safdie vorgestellt. Um die Umwelt zu schonen, wurden 354 vorgefertigte Betonblöcke verwendet, die gestapelt 158 Wohnhäuser ausmachen.

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Brutalismus in Deutschland

Auch in Deutschland sind diese Relikte aus vergangener Zeit abermals zu sehen. Favorisiert in Sichtbeton gebaut: Universitäten, Gemeindezentren, Parkhäuser, Arbeitsämter, Sozialbauten, Wohnanlagen und Kirchen. Etwa das Olympische Dorf in München, das Parkhaus Osterstraße in Hannover oder „Die Schlange“ in Berlin. Bei Letzterem handelt es sich um einen 600 Meter langen Wohnkomplex mit Autobahnüberbauung und 1064 Wohneinheiten. Diese Konstruktion zählt zu den größten zusammenhängenden, durchgängig begehbaren Wohnkomplexen Europas. Gebaut und entworfen wurde das Bauwerk 1973 bis 1980 von den Architekten Georg Heinrichs sowie Gerhard und Klaus Detlev Krebs.

Corbusierhaus Berlin

Das Corbusierhaus in Berlin ist ein beeindruckender und denkmalgeschützter Wohnkomplex und wurde für die internationale Bauausstellung 1957 von Le Corbusier entworfen. Übrigens: Obwohl sich Le Corbusier nie mit dem „Brutalismus“ identifizieren wollte, war er trotzdem ein Meister darin. In Chandigar in Nordindien entwarf er eine komplette Stadt ganz im Sinne des Brutalismus. Darunter auch Regierungsgebäude wie den Justizpalast und das Sekretariat und Parlamentsgebäude, zudem vier Denkmäler.

Betonbunker auf Zeit

Man kann diese Betonriesen als „Skulpturen im Raum” sehen. Andere finden sie schlichtweg hässlich und wünschen sich nichts mehr als einen Abriss. Vielen drohte bereits der Abriss, aber nun stehen sie unter Denkmalschutz. Trotzdem scheint es ganz so, als erleben diese markanten Bauten aus Beton wieder ein Revival. 

Ob man diese Monumentalbauten nun schön finden muss, ist Auslegungssache. Im Gegensatz zur Moderne hatte jedoch der Brutalismus eine rohe, ungezügelte Qualität. Man kann sagen, dass diese Art von Expressionismus nur darauf ausgerichtet war, etwas auszudrücken und dabei nicht zu gefallen.

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