29. Juli 2025, 10:57 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Jahr für Jahr kommen neue Rosensorten auf den Markt. Rosenexperte Heiko Hübscher erklärt im Interview mit myHOMEBOOK, wie die Rosenzucht Schritt für Schritt funktioniert und warum immer auch ein bisschen Glück dazugehört.
Üppige Blüten, betörender Duft und dabei möglichst robust: Die Ansprüche an eine perfekte Rose sind hoch. Doch wie entsteht so eine neue Sorte eigentlich? Heiko Hübscher, Gärtnermeister im Rosengarten Zweibrücken, kennt die vielen Stationen von der ersten Kreuzung bis zur Marktreife. Eine neue Sorte zu züchten ist ein jahrlanger Weg, geprägt von harten Entscheidungen, viel Geduld und ebenso viel Fingerspitzengefühl.
So entstehen neue Rosensorten
myHOMEBOOK: Entstehen neue Rosensorten auch zufällig oder nur durch gezielte Züchtung?
Heiko Hübscher: „Beides ist möglich, aber der Regelfall ist die gezielte Züchtung. Es gibt allerdings auch echte Zufallsfunde. Bei mir im Garten steht eine besonders schöne, stark duftende Wildrosen-Hybride, die vermutlich aus einem Samen entstanden ist, der einst durch Vogelkot in den Garten gelangte. Wir nennen solche Rosen ‚Vogelschissrose‘. Wer die Eltern sind, weiß niemand. Sie hat keinen Namen, aber ich mag sie sehr.“
Wie beginnt die gezielte Züchtung?
„Zuerst wählt man die beiden Elternsorten aus, von denen man hofft, dass sie die gewünschten Eigenschaften vererben: eine als Mutter, eine als Vater. Dann entfernt man morgens, sobald sich die Blüte der Muttersorte öffnet, die Pollenträger – also das männliche Blütenorgan – und lässt nur den Stempel stehen. Anschließend holt man sich die Pollen von der Vatersorte und überträgt sie auf den Stempel der Muttersorte. Zur Übertragung der Pollen kann man entweder einen Pinsel oder einen Finger benutzen. Profis nutzen meist die Finger, weil es schneller geht und ebenso gut funktioniert. Damit danach keine weitere Bestäubung stattfindet, kommt eine Tüte über die bestäubte Blüte.“
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Bei der Rosenzucht ist Geduld gefragt
Wie geht es nach der Bestäubung weiter?
„Im Sommer reifen aus den bestäubten Blüten die Hagebutten heran. Sobald sie reif sind, werden die Samen entnommen. Damit sie keimfähig werden, müssen sie im Kühlschrank einem künstlichen Winter ausgesetzt werden. Dann wird ausgesät. Bei den drei größten deutschen Züchtern Tantau, Noack und Kordes kommen dabei gewaltige Mengen zusammen. Ein befreundeter Züchter erzählte mir mal, dass sie in einem Jahr rund 230.000 Sämlinge ausgesät haben.“
Wie wird entschieden, welche Pflanzen genug Potenzial haben?
„Wenn die Sämlinge im darauffolgenden Frühjahr zum ersten Mal blühen, geht es an die erste Beurteilung: Hat die Rose eine schöne Blüte? Duftet sie? Passen Blätter und Wuchsform? Dann wird selektiert, also einfach abgeknickt. Das machen die Züchter relativ flott. Die besten Pflanzen werden durch Veredelung auf robuste Wildrosen-Unterlagen vermehrt und ins Freiland gesetzt. Dort zeigt sich dann, ob sie winterhart, krankheitsresistent und dauerhaft attraktiv sind. Jedes Jahr wird weiter selektiert und nach mehreren Jahren sind dann von den Hundertausenden noch etwa 10 bis 15 Favoriten übrig. Und diese Exemplare werden dann in immer größeren Stückzahlen vermehrt und auch dabei ständig beobachtet, ob sie gleich aussehen, gleich duften, gleich gesund sind usw. Denn nur wenn alles gleich ist, erhält man einen Artikel, der verkauft werden kann. Bis zur Marktreife vergehen so von der ersten Kreuzung an acht bis zwölf Jahre.“
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Das müssen moderne Rosen können
Was müssen neue Rosensorten heutzutage leisten? Welche Eigenschaften sind gefragt?
„Neben Duft, Blühfreude und Gesundheit sind inzwischen auch die Auswirkungen der Klimakrise ein Thema: Rosen sollen mit Trockenheit, Hitze aber auch mit Starkregen klarkommen. Eine Rose kann wunderschön sein, aber wenn sie nach einem Starkregenereignis in sich zusammenfällt, ist sie für den Garten ungeeignet. Auch die Insektenfreundlichkeit spielt eine wachsende Rolle. Sehen Züchter besonders viel Potenzial in einer ihrer neuen Sorten, melden sie diese für die ADR-Prüfung an. Diese Prüfung ist sehr bedeutend, denn wenn eine Rose dieses Siegel bekommt, hat sie definitiv gezeigt, dass sie in Gärten gut klarkommt und viele tolle Eigenschaften hat.“
Gibt es bei der Rosenzucht auch Enttäuschungen und Rückschläge?
„Ja, absolut und immer wieder. Manchmal zeigt eine Sorte im Gewächshaus viel Potenzial und wird aber im Freiland krank. Oder sie war im Freiland drei Jahre lang stabil und entwickelt plötzlich Rosenrost. Das kann das Ende bedeuten. Und natürlich fragt man sich: Wie viele fantastische Rosen wurden vielleicht einfach aussortiert? Aber das alles liegt ja in der Natur der Sache.“
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Wie kommen Rosen zu ihren Namen?
Rosen haben oft ungewöhnliche Namen. Wie kommt es dazu?
„Viele Sorten sind nach bekannten Persönlichkeiten benannt oder haben gefühlvolle Namen – beides hat natürlich auch mit Marketing zu tun. Doch bevor sie zu ihrem Namen kommen, bekommen sie erstmal ein technisches Kürzel und werden so beim Bundessortenamt angemeldet. Erst danach beginnt die eigentliche Namenssuche. Aktuell sind Musiker sehr beliebt, vor allem welche, die nicht mehr leben, denn da droht kein Skandal mehr. Ich selbst habe im Rosengarten Zweibrücken vier Rosen taufen dürfen. U.a. die Rose ‚Rosengarten Zweibrücken‘ und die Rose ‚Freifrau Caroline‘. So eine Rosentaufe ist ein festlicher Moment mit Gästen, Urkunde und meist auch Sekt.“
Welche ist ihre Lieblingsrose?
„Ihr Name ist sehr klischeebehaftet, aber ‚Beverly‘ ist trotzdem meine Lieblingsrose. Sie ist rosa, eher unauffällig, aber ihr Duft ist stark, fruchtig und blumig. Ich hatte sie früher direkt an meiner Garage stehen. Morgens und abends, wenn ich das Auto holte oder parkte, habe ich sie gerochen. Die Garage ist inzwischen weg, aber Beverly steht noch da. Und immer, wenn ich an ihr vorbeigehe, steigt meine Laune. Das ist für mich die Faszination Rose.“

