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Baustoffe der Zukunft

Sind Lehm und Stroh wirklich Alternativen zu Stahl und Beton?

Häuser aus Lehm und Stroh: Eine Hausfassade aus Lehm und Stroh mit einem Fenster, in dem eine Katze sitzt
Lehm wird als umweltfreundlicher Baustoff zunehmend in der nachhaltigen Architektur verwendetFoto: Getty Images

Häuser aus Lehm und Stroh – lange Zeit wurde nicht anders gebaut. Dann kamen die wichtigen Baumaterialien Stahl und Beton. Die Baustoffe haben jedoch eine schlechte Umweltbilanz. Stehen die traditionellen und klimafreundlichen Materialien vor einer Renaissance?

Lehm war in vergangenen Zeiten ein wichtiger Baustoff. Mittlerweile erlebt das Gemisch aus Ton und Sand ein Comeback in der nachhaltigen Architektur. Der umweltfreundliche Baustoff hat gegenüber Zement einige Vorteile. Zum Beispiel speichert Lehm Wärme effizient und reguliert das Raumklima. Dennoch gibt es hierzulande noch wenige Neubauten, in denen der umweltfreundliche Baustoff eingesetzt wurde. Anders sieht es mit alten Häusern aus Lehm und Stroh aus.

Häuser aus Lehm und Stroh im Fachwerk

Fachwerkhäuser aus dem Mittelalter wurden zum Beispiel mit Holz und Stroh gebaut. Das Holzskelett trägt das Haus, die Zwischenräume wurden mit Stroh gefüllt. Stroh zur Isolierung von Gebäuden wird heutzutage jedoch nur noch selten verwendet. Weshalb erklärt Johannes Kreißig von der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB): „Beim Stroh als Dämmstoff gibt es das Problem der gleichbleibenden Qualitäten, da eignen sich Holzfaserstoffe besser.“ Darunter versteht man Naturdämmstoffe, die zum Beispiel aus Sägeresten gewonnen werden.

Aus einem weiteren Grund sind Lehm und Stroh noch immer eher exotische Baustoffe: die rechtliche Lage ist schwierig. Kreißig: „Heute sehen die meisten Planer Baumaterialien wie Stroh oder Lehm nicht als Stand der Technik an, deshalb wird es wenig eingesetzt. Sie sehen das Gewährleistungsrisiko, das sie nicht eingehen wollen.“

Hält ein Haus aus Lehm Wind und Wetter stand?

Ja, sagt Johannes Kreißig. Allerdings finde beim Lehm eine gewisse Abwitterung zum Beispiel durch Frost, Regen, Kälte oder Hitze statt. Ähnlich wie bei einem Gebäude aus Holz könne aber ein entsprechendes Schutzmittel eingesetzt werden.

Wie baut man Häuser aus Lehm und Stroh?

Die Lehmbau-Technik ist vielfältig. Aus Stampflehm können zum Beispiel tragende und nichttragende Wände errichtet werden. Und auch beim Bau von Fußböden oder bei Deckenkonstruktionen kann Lehm eingesetzt werden. Im Trockenbau können Lehmplatten oder Lehmsteine verwendet werden, für den Putz bietet sich zum Beispiel Strohlehm an. Mit Stampflehm wiederum werden oftmals historische Gebäude saniert, wie der Dachverband Lehm (DVL) auf dessen Homepage schreibt.

Ist ein Haus aus Lehm teurer als ein herkömmliches Haus?

Ja, erklärt Kreißig: „Das liegt daran, dass es weniger Angebote von Fachexperten gibt und fachgerechter geplant werden muss. Auch hier gilt: solange Baustoffe kein Regelbaustoff sind, kann die Besorgung aufwendig und schwierig sein.“ Kreißig sagt aber auch, dass der Baustoff günstiger sein könnte, die Vertriebswege seien jedoch noch nicht ausreichend vorhanden.

„Ein Massivholzbau ist heute tendenziell teurer als die Stahlbetonbauweise, weil die Umweltfolgekosten nach wie vor nicht eingerechnet werden“, so Kreißig. Das seien die Kosten, die auf die Gesellschaft durch Umweltbelastungen entstünden. Das Umweltbundesamt gibt die Kosten für 2020 mit 195 EUR pro Tonne CO2-Äquivalente an. „Beim Holz erleben wir gerade steigende Preise aufgrund von hoher Nachfrage und Lieferengpässen“, so der Experte. Man könne vom „Klopapierpreiseffekt“ sprechen. Sein Fazit: „Wenn stabile Randbedingungen gegeben sind, sollte Holz nicht teurer sein als Stahlbeton.“

Lehm ist nicht gleich Lehm

Neben den vielfältigen Einsatzmöglichkeiten erklären die DVL-Experten auch die unterschiedlichen Lehm-Arten. Stampflehm ist unter den verschiedenen Arten der schwerste Lehmbaustoff. Er kann zu tragenden Lehmbauteilen verwendet werden. Mittlerweile wird Stampflehm im Handel auch als vorgefertigtes Wandelement angeboten.

Daneben gibt es noch den mit Stroh zugesetzten Wellerlehm. Diese Lehm-Art wird bei Reparaturen von Gebäuden verwendet. Strohlehm wird zur Sanierung vieler alter Fachwerkhäuser eingesetzt und kann auch zu Steinen oder Platten verarbeitet bezogen werden.

Holzbau besser für das Klima?

„Nachwachsende Rohstoffe wie Holz haben einen großen Vorteil“, sagt Johannes Kreißig. Denn sie speichern den Klimakiller Kohlenstoffdioxid (CO2). „Der CO2-Fußabdruck eines Gebäudes kann mit Holz etwa halbiert werden. Deshalb wird in diesen Baustoff viel Hoffnung gesetzt“, erklärt der Experte.

Johannes Kreißig sagt aber auch: „Bei alternativen Baustoffen sollte man allerdings genau hinschauen. Bei der Nachhaltigkeitsbetrachtung von Holz sind zwei Aspekte wesentlich. Zum einen sollte es aus nachhaltiger Forstwirtschaft stammen und zum anderen sollte es regional verfügbar sein. Andernfalls entstehen unerwünschte Umweltwirkungen wie etwa hohe CO2-Emissionen beim Transport. Wenn regional oder lokal zu wenig Holz verfügbar ist, sollte das Bauen mit Holz hinterfragt werden.“

Baumaterial einsparen wird in Zukunft wichtig

Kreißig erklärt, dass ein wesentlicher Hebel für eine nachhaltige Wende des Bausektors darin liege, nicht nur nach alternativen Baustoffen zu suchen, sondern effektiv Material zu sparen. Ein schönes Beispiel ist das Recycling-Haus in Hannover, über das myHOMEBOOK berichtet hat.

„Materialeffizienz und Innovationen im Tragwerk werden in den nächsten Jahren stark zunehmen.  Denn dass die Zementindustrie ihre CO2-Emissionen in der Herstellung reduzieren müssen, ist klar. Es ist zudem möglich, ein Tragwerk aus Stahlbeton mit der Hälfte an Material zu konstruieren, z.B. durch eine Rippendecke. Diese Potenziale werden noch viel zu wenig genutzt“, ist sich Kreißig sicher.

Ob man Häuser mittlerweile auch aus so exotischen Materialien wie Pilzen bauen kann? Kreißig sieht das kritisch: „Experimentelle Baustoffe wie Pilzmyzel sind heute noch nicht in der Breite einsetzbar, weil sie kein Regelbaustoff sind. Hier fehlt noch die Qualitätssicherung, um die Langlebigkeit zu garantieren.“

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Anbau von Hanf, Flachs und Baumwolle als Baustoffe oft problematisch

Baumwolldämmstoffe, Flachsfasern oder Hanffaser können zwar eine ökologische Alternative als Baustoff darstellen. Das Problem daran erklärt Kreißig: „In landwirtschaftlich angebauten Produkten als Baustoffe sehe ich nicht die Lösung für die großvolumige Anwendung, da hier immer die Konkurrenz zur Nahrung gegeben ist und die Landwirtschaft häufig mit relativ hohen Umweltbelastungen verbunden ist.“ Anders sehe das aus, wenn es sich um Abfallprodukte handele, die nicht mehr anders verwertbar seien. „Dann können sie eine interessante Rohstoffquelle sein.“

Warum Bauen mit Zement und Beton problematisch ist

Mit zunehmendem Bevölkerungswachstum ist der Verbrauch an Baumaterialien in den letzten hundert Jahren um das Vierzigfache gestiegen. Sand beispielsweise wird zunehmend knapper, denn dieser wird zur Herstellung von Beton benötigt.

Ein wichtiger, jedoch problematischer Baustoff ist Zement. Allein die Herstellung belastet das Klima. 2018 war allein die deutsche Zementindustrie für 20 Millionen Tonnen CO2-Ausstoß verantwortlich, wie das Umweltbundesamt schreibt.

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