22. August 2025, 15:01 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Und plötzlich ist alles „Japandi“ oder „minimalistisch“ – in den sozialen Netzwerken, in Möbelhäusern und auf Interior-Blogs. Auch wenn Einrichtungstrends manchmal wie willkürliche, aus der Luft gegriffene Modeerscheinungen wirken, entstehen sie keineswegs zufällig. Viel mehr steckt ein komplexes Zusammenspiel von kulturellen, technologischen, medialen und psychologischen Einflüssen dahinter. myHOMEBOOK-Autorin Carolin Chytrek verrät, wie Interior-Trends wirklich entstehen.
Schon seit jeher löst die Gestaltung des Zuhauses bei vielen Menschen eine besondere Faszination aus. Die eigenen vier Wände sollen Wohlfühloase und Ausdruck der eigenen Persönlichkeit sein – ein Ort des Ankommens, an dem man sich fallen lassen kann. Geschmäcker sind bekanntlich sehr verschieden und trotzdem lassen sich im Interior-Bereich immer wieder klare Strömungen hinsichtlich der Gestaltungsideen erkennen.
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Gesellschaftliche Bedürfnisse
Gesellschaftliche Themen wirken oft direkter auf Interior-Trends, als man zunächst vermuten würde. Als vor einigen Jahren die Fridays-for-Future-Bewegung in Deutschland ihren Anfang nahm, wuchs bei vielen Unterstützern der Wunsch, auch zu Hause nachhaltiger zu leben. Plötzlich boomten Möbel aus recycelten und nachwachsenden Rohstoffen oder nachhaltige Materialien und Textilien. Fast gleichzeitig stieg das Interesse an Minimalismus, da man in Zeiten der medialen und gesellschaftlichen Überforderung nach mehr Klarheit und Entschleunigung im Alltag suchte.
Menschen sortierten vermehrt aus, trennten sich von materialistischem Ballast und zeigten mehr Achtsamkeit bei der Einrichtung. Schlichte, farblich unaufgeregte Einrichtungsgegenstände wurden modern, weil sie nicht überfordern, sondern Leichtigkeit versprühen. Der Beige-Trend war geboren.
Kraft der Influencer
Wie Menschen gerne wohnen möchten, wird maßgeblich durch Influencer beeinflusst. Sie gelten als Trendbeschleuniger und sorgen dafür, dass Follower (teils im Millionenbereich) ihren Ideen nachahmen. Als Unternehmerin und It-Girl Kim Kardashian 2019 ein Foto ihres außergewöhnlichen Marmor-Waschtisches auf Instagram geteilt hat, wie myHOMEBOOK berichtete, sahen sich Interior-Designer plötzlich gezwungen, auf den Hype um minimalistische Waschtische mit fließender Form und ohne klare Beckenbegrenzung aufzuspringen. Es entstand ein regelrechter Hype um „Minimal Monastry“, wie Kardashian ihren Interior-Look selbst beschrieb, der Einrichtungshäuser dazu zwang, ihr Sortiment anzupassen.
Influencer sind also keinesfalls unbedeutend, sie geben bestimmte Stile, Farben oder DIY-Ideen vor, die Einzelhändler zur Umsetzung zwingen, weil Follower sie nachahmen möchten. Social-Media-Kanäle wie Instagram und TikTok, vor allem aber Foto-Plattformen wie Pinterest sind definitiv zentrale Kanäle für Trendkommunikation geworden.
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Psychologische, soziale Faktoren
Globale Ereignisse und die Zeitqualität haben großen Einfluss auf unsere emotionalen Bedürfnisse, das ist ein psychologischer Fakt. Dass diese sich aber wiederum in den Interior-Trends widerspiegeln, sieht man meistens erst auf den zweiten Blick. Während der weltweiten Corona-Pandemie, die mit Lockdowns und dem Gefühl des Eingesperrtseins einherging, wuchs der Wunsch, sich stärker mit der Natur zu verbinden. Spaziergänge gaben Kraft und Ablenkung, Ausflüge ins Grüne hatten Seltenheitswert. Deshalb holten sich viele Menschen vermehrt Naturmaterialien und Pflanzen ins eigene Zuhause, um sich zu beruhigen und zu erden.
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Der Urban-Gardening-Trend bekam einen völlig neuen Aufwind. Zur gleichen Zeit wurde Homeoffice zur Norm. Weil sich Menschen 24/7 zu Hause aufhielten, dort wohnten und arbeiteten, sollte die Einrichtung gemütlich und funktional sein. Die sonst eher klassische Büroeinrichtung wurde mit Hygge- oder Japandi-Elementen ergänzt, die für den nötigen Kuschelfaktor sorgten. So entstand ein ganz neuer Cocooning-Trend.
Aber wie entstehen nun Interior-Trends?
Interior-Trends werden von Influencern, Mode und gesellschaftlichen, psychologischen und sozialen Einflüssen gesetzt, aber von Designerlabels, Magazinen und Möbelhäusern bewusst erkannt und gefördert. So bestimmen Social-Media-Bewegungen, Farbtrends oder Krisen sowie Veränderungen aktiv, was später produziert wird und in den Läden landet.
Designmessen und das Gespür von Redakteuren tragen dazu bei, dass neue Trends sichtbar werden und sich stärker im Bewusstsein von Kunden verankern. Man darf also festhalten: Interior-Trends entstehen an der Schnittstelle von Gesellschaft, Mode, Psychologie und Medien.
Trendagenturen schauen voraus
„Im Rahmen meiner Ausbildung habe ich mal ein mehrmonatiges Praktikum bei einer (Fashion-)Trendagentur in Köln gemacht. Und da habe ich wirklich das allererste Mal hautnah miterlebt, wie Trends entstehen beziehungsweise wie man dafür sorgt, dass etwas angesagt ist. Und das passiert nicht von heute auf morgen. In der Regel wurden Farben, Formen und Stilrichtungen etwa zwei Jahre im Voraus gespottet und dann den jeweiligen Unternehmen zur Verfügung gestellt, sodass dann wiederum die Kollektionen danach entwickelt wurden. Und entdeckt wurden Trend-Farben und -Formen etwa direkt auf der Straße, die Kolleginnen hatten einfach ein gutes Gespür. Klar, es ging um Mode, aber die Art und Weise lässt sich natürlich auch auf Interior-Trends ummünzen.“