17. Oktober 2026, 13:11 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Nach einem heftigen Gewitter ist plötzlich der Fernseher defekt, der Router ausgefallen oder die Hi-Fi-Anlage streikt. Schnell stellt sich die Frage: Liegt die Ursache im Stromnetz des Hauses oder haben Blitz und Überspannung die Geräte beschädigt? Welche Zusammenhänge es gibt und wie sich Verbraucher schützen können, erklärt Dr. Stefan Veit, Leiter des Geschäftsfelds Elektro- und Gebäudetechnik bei der TÜV SÜD Industrie Service GmbH.
Die Antwort des Experten beruhigt zunächst. Die Leitungen in der Wand nennt Veit nicht als typische Ursache für defekte Geräte. Elektronik leidet vor allem unter Überspannungen. Mängel an der Installation gefährden in erster Linie die Bewohner. Brenzlig wird es vor allem in zwei Fällen: Die Elektrik stammt noch aus der Zeit vor Mitte der 1970er-Jahre oder Hobbybastler haben selbst Hand angelegt, etwa an Steckdosen, Lampen und Leitungen. Beides kann Stromschläge und Brände begünstigen.
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Alt heißt nicht automatisch schlecht
Doch wann gilt eine Elektroinstallation überhaupt als „schlecht“? Der Begriff vermische mehrere Sachverhalte, stellt Veit klar. Er trennt drei Fragen: Wie ist die Anlage ausgestattet? In welchem Zustand ist sie? Und wie sicher ist sie nach heutigem Stand der Technik?
Elektrik altert mit dem Haus. Eine Anlage aus den 1960er-Jahren kann damals tadellos gebaut worden sein. Solange niemand etwas daran ändert, darf sie meist bleiben, wie sie ist. Das nennt sich Bestandsschutz. Er gilt aber nicht für immer. Droht Gefahr, ist Schluss damit.
Auch ein größerer Umbau kann den Bestandsschutz kippen, etwa wenn aus einem Kellerraum ein Bad wird. Für neue Leitungen, Schalter und Steckdosen gelten ohnehin die heutigen Regeln, auch im Altbau. Eine Altanlage, die bleiben darf, ist deshalb aber nicht automatisch sicher. Bei Autos ist das ähnlich: Ein Oldtimer ohne Airbag darf auf die Straße. Bei einem Unfall schützt er aber schlechter als ein Neuwagen.
Den Airbag der Elektroinstallation bildet der Fehlerstrom-Schutzschalter, kurz FI-Schalter oder RCD. Fließt Strom dorthin, wo er nicht hingehört, etwa über das Metallgehäuse eines defekten Föhns, schaltet er in Sekundenbruchteilen ab. In vielen älteren Häusern fehlt er ganz oder teilweise. Für neue Elektroinstallationen ist er Pflicht.
Über die Jahre kommen in einem Haus oder einer Wohnung häufig neue Steckdosen, Lampen und Leitungen dazu. Solche Eingriffe können „das Sicherheitsniveau einer ursprünglich ordnungsgemäß errichteten Anlage erheblich verschlechtern“, warnt der Experte. Das gilt vor allem dann, wenn Laien an der Anlage arbeiten.
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Diese Schwachstellen finden sich häufig
Genauer hinschauen lohnt bei Anlagen aus der Zeit vor Mitte der 1970er-Jahre. In Westdeutschland war bis 1973 die klassische Nullung erlaubt, mit Übergangsfrist bis 1974. Dabei übernimmt ein einziger Leiter zwei Aufgaben. Er führt den Strom zurück und dient zugleich als Schutzleiter. Fachleute nennen ihn PEN-Leiter. Reißt dieser Leiter oder lockert sich eine Klemme, kann im ungünstigen Fall das Metallgehäuse eines Geräts unter Spannung stehen.
In Ostdeutschland finden sich solche Zwei-Leiter-Anlagen teils auch in jüngeren Gebäuden. Dazu kommen dort oft Leitungen aus Aluminium. Das Material sei grundsätzlich geeignet, ergänzt Veit. Es stelle aber höhere Ansprüche an die Verbindungen als Kupfer. An gealterten oder oxidierten Klemmen steigt der Widerstand. Somit kann sich die Stelle stark erwärmen. Entscheidend bleibe letztlich der tatsächliche Zustand, unterstreicht Veit, nicht allein das Baujahr.
Diese Warnsignale erkennen auch Laien
Den Zustand ihres Stromnetzes können Bewohner zum Teil selbst einschätzen. Das deutlichste Signal: Sicherung oder FI-Schalter lösen immer wieder ohne erkennbaren Anlass aus. „Solche Schutzorgane reagieren in der Regel nicht grundlos“, erklärt Veit. Wer sie nur zurücksetzt, übersieht womöglich einen Fehler. Weitere Hinweise:
- Schmorspuren oder Verfärbungen an Steckdosen und Schaltern
- warme Stecker oder Mehrfachsteckdosen
- Brandgeruch
- flackerndes Licht
- knisternde oder brummende Schalter
- Geräte, die nur zeitweise funktionieren
- lockere Steckdosen
- fehlende Abdeckungen
- beschädigte Kabel
Manche Sicherungskästen enthalten neben dem FI-Schalter auch einen Brandschutzschalter, Fachleute sprechen von AFDD. Er erkennt gefährliche Lichtbögen. Das sind Funkenüberschläge, wie sie an beschädigten Leitungen oder schlechten Kontakten entstehen können. Lösen solche Schutzschalter früh aus, spricht das laut Veit für ein hohes Schutzniveau und deutet auf potenziell vorhandene Schäden hin. Eine überempfindliche Anlage zeigt sich darin aber nicht.
Kritisch sieht Veit auch Provisorien aus Verlängerungskabeln und Steckdosenleisten. Hängen dort viele Geräte gleichzeitig daran, kann die Leiste überhitzen. Allerdings kann auch ein unauffälliges Stromnetz Mängel haben, betont Veit. Gerade bei älteren Häusern, nach Umbauten oder nach Eigenarbeiten bringt eine fachgerechte Prüfung deutlich mehr Sicherheit als ein prüfender Blick.
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Elektronik leidet unter Spannungsspitzen
Und der Fernseher, der nach dem Gewitter schwarz bleibt? Empfindlich auf Überspannungen reagieren vor allem Geräte mit Platinen und Chips im Inneren. Dazu zählen moderne Haushaltsgeräte, Unterhaltungselektronik, Computer, Netzteile und Smart-Home-Komponenten.
Solche Überspannungen entstehen etwa bei Gewittern, durch Blitze oder durch Schaltvorgänge im Stromnetz. Elektrische Spannung lässt sich mit dem Druck in der Wasserleitung vergleichen. Steigt der Druck für einen Moment stark an, kann ein Gartenschlauch platzen. Ähnlich ergeht es elektronischen Bauteilen bei einer kurzen Spannungsspitze. Sie können sofort kaputtgehen oder schneller altern.
In älteren Häusern fehlt laut Veit häufig ein Überspannungsschutz nach heutigem Standard. Das Risiko für die Elektronik kann dort höher liegen. Für Neubauten ist ein Überspannungsschutz seit Ende 2018 Pflicht. Das gilt auch, wenn in einem älteren Haus neue Stromkreise dazukommen oder ein Elektriker die Installation erneuert. Bleibt das alte Stromnetz dagegen unverändert, gilt keine Pflicht.
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Was ein Elektrofachbetrieb tun kann
Ein Elektrofachbetrieb kann den Überspannungsschutz in älteren Häusern trotzdem nachrüsten. Lässt sich auch die übrige Anlage verbessern? „Ja, selbstverständlich“, antwortet Veit. „Häufig kann man bereits mit vergleichsweise einfachen Maßnahmen ein deutlich höheres Sicherheits- und Ausstattungsniveau erreichen.“
Der Betrieb bewertet zuerst den Ist-Zustand. Daraus entwickelt er ein Konzept in Stufen: FI-Schalter und Überspannungsschutz nachrüsten, einzelne Stromkreise oder Verteiler erneuern, im Extremfall alles modernisieren. Der TÜV-SÜD-Experte betont: „Nicht pauschal von einer Komplettsanierung ausgehen.“
- Isolation: Ist die Kunststoffhülle der Leitungen noch intakt, oder haben Alter, Schäden oder Feuchtigkeit ihr zugesetzt?
- Schutzleiter: Der grün-gelbe Draht leitet bei einem Defekt gefährlichen Strom vom Gerätegehäuse ab. Die Messung prüft, ob er überall durchgehend verbunden ist.
- Abschaltung: Fließt bei einem Kurzschluss genug Strom, damit die Sicherung schnell genug auslöst? Fachleute nennen diese Messung Schleifenimpedanz.
- Wärmebild: Eine Wärmebildkamera zeigt heiße Stellen im Verteiler. Sie deuten auf lose Klemmen oder Überlastung hin.
- Ströme auf Schutz- und Neutralleiter: Der Neutralleiter, heute meist blau, führt den Strom zurück zum Verteiler. Auffällige Werte können auf sogenannte „Oberschwingungen“ hindeuten, welche zur Überlastung führen könnten.
„Eine einzelne Messung sagt selten alles aus“, fasst Veit zusammen. „Erst die Kombination aus Sichtprüfung, Erprobung und verschiedenen elektrischen Messungen ermöglicht eine belastbare Bewertung des tatsächlichen Zustands der Installation.“
Für eine Wohnung beginnt eine solche Prüfung nach seinen Angaben häufig bei wenigen hundert Euro. Größere oder komplexere Anlagen kosten mehr. Was genau geprüft wird, klären Eigentümer am besten vorab mit dem Fachbetrieb oder einem unabhängigen Sachverständigen. Entscheidend seien fachlich solide Messungen und eine saubere Dokumentation, unterstreicht Veit.
Wann sich der Anruf beim Elektriker lohnt
Diese Fragen helfen bei der Entscheidung:
- Zeigt die Anlage eines der genannten Warnsignale?
- Stammt das Stromnetz aus der Zeit vor Mitte der 1970er-Jahre oder aus einem DDR-Bau?
- Hängen an einer Steckdosenleiste dauerhaft viele Geräte, die gleichzeitig laufen?
- Hat jemand ohne Fachausbildung an Leitungen, Steckdosen oder Lampen gearbeitet?
- Fehlen FI-Schalter oder Überspannungsschutz im Sicherungskasten?
Wer mehrere Fragen mit Ja beantwortet oder unsicher ist, lässt das Stromnetz am besten von einem Fachbetrieb prüfen.