10. Januar 2026, 14:11 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Wohnungen zu fairen Preisen, kein Risiko plötzlicher Kündigung und ein lebenslanges Wohnrecht – das klingt fast zu gut, um wahr zu sein. Doch genau damit werben viele Wohnungsbaugenossenschaften. Doch wie realistisch ist dieser Traum vom sicheren und bezahlbaren Wohnen wirklich? Und wie kommt man überhaupt an eine Genossenschaftswohnung?
Warum Wohnen in der Genossenschaft so attraktiv ist
Wer kennt es nicht: Man ist (erfolglos) auf Wohnungssuche und bekommt den gut gemeinten Rat, es doch mal bei einer Genossenschaft zu versuchen. Doch da sind die Wartelisten oft lang. Dennoch reizt es viele, in einer Genossenschaft zu wohnen – aber woran liegt das?
Wohnungsbaugenossenschaften verfolgen das Ziel, ihre Mitglieder mit preiswertem Wohnraum zu versorgen. Im Gegensatz zu klassischen Vermietern steht bei ihnen nicht die Gewinnerzielung im Vordergrund. „Es gibt keine oder nur sehr geringe Gewinnausschüttungen an die Mitglieder“, erklärt Wibke Werner, Geschäftsführerin des Berliner Mietervereins. „Der Gewinn wird vielmehr in den Bestand oder den Neubau investiert.“
Da Genossenschaften ihre Immobilien nicht kapitalmarktgetrieben finanzieren, entfallen zusätzliche Kosten durch externe Investoren. Auch teure Sanierungen sind seltener, was sich ebenfalls positiv auf die Mietpreise auswirken kann.
Viele Genossenschaften verpflichten sich zur sozialverträglichen Vermietung mit moderaten Mieten – ein weiterer Pluspunkt. Eine Eigenbedarfskündigung ist ausgeschlossen. „Außerdem haben die Mitglieder Mitbestimmungsrechte“, sagt Werner. Neben einem lebenslangen Wohnrecht können sie aktiv an Entscheidungen der Genossenschaft teilnehmen.
Wartelisten und Wachstumsgrenzen
Doch das genossenschaftliche Modell hat auch seine Schattenseiten – besonders für Wohnungssuchende. Die Nachfrage ist hoch, das Angebot begrenzt. Die Wartelisten seien meistens lang, und viele Genossenschaften nehmen gar keine Mitglieder mehr auf, so Werner. Bis man Mitglied wird oder eine Wohnung erhält, können Jahre vergehen.
Auch beim Neubau sind Genossenschaften oft zurückhaltend. „Da werden vielfach falsche Erwartungen an sie gerichtet. Sie sind primär ihren Bestandsmitgliedern verpflichtet. Und Wachstum ist nicht immer im Interesse der Altmitglieder“, sagt Bernhard Faller vom Bundesverband für Wohnen und Stadtentwicklung (vhw).
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Finanzielle Risiken und lange Kündigungsfristen
Wer die Genossenschaft einmal verlassen möchte, muss ebenfalls Geduld mitbringen. Zwar erhält man seine Anteile zurück, doch das kann dauern. Die Verbraucherzentralen beschrieben 2023, dass wegen langer Kündigungsfristen häufig Monate oder gar Jahre bis zur Rückzahlung vergehen können.
Hinzu kommen finanzielle Risiken im Falle einer Insolvenz. Geht die Genossenschaft pleite, können Mitglieder ihre eingezahlten Anteile verlieren. Auch schwarze Schafe sind unter den Anbietern nicht ausgeschlossen. Um sich zu schützen, empfiehlt Wibke Werner, die Satzung genau zu lesen und die dort formulierten Prinzipien zu prüfen. Eine Mitgliedschaft in einem Landesverband – etwa im Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen – kann zusätzlich auf Seriosität hinweisen.
Auch die Verbraucherzentralen mahnen zur Vorsicht, insbesondere bei auffällig hohen Renditeversprechen oder unseriösen Methoden wie Call-Center-Anrufen. Ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Mitgliederzahl und Wohnungsbestand sowie ein transparenter Jahresabschluss gelten als weitere Indikatoren für ein solides Geschäftsmodell.
Wie man Mitglied wird und warum Neugründungen schwierig sind
Wer in eine Genossenschaft einsteigen möchte, sollte zunächst Kontakt zur gewünschten Organisation suchen und klären, ob neue Mitglieder aufgenommen werden. Ist das der Fall, kann man Anteile erwerben und sich für eine Wohnung vormerken lassen. „Das legt jede Genossenschaft selbst fest. Ein Anteil kann zwischen 90 und 1.500 Euro liegen“, so Werner. Wie viele Anteile erforderlich sind, richtet sich in der Regel nach der Wohnungsgröße.
Die Idee, selbst eine neue Genossenschaft zu gründen, hält Bernhard Faller derzeit für wenig aussichtsreich: „Bei den hohen Baukosten tun sich junge Genossenschaften gerade irrsinnig schwer, das entsprechende Eigenkapital zu mobilisieren.“
Mit Material der dpa