10. September 2026, 15:31 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Abenteuerliche Waldspaziergänge, das Ausweichen vor Spinnweben und am Ende die Hoffnung auf eine gut gefüllte Pilzpfanne gehören für viele zum Herbst dazu. Mittlerweile nutzen dafür viele KI-gestützte Apps. Diese versprechen, gefundene Pilze per Foto zuverlässig zu bestimmen. Was praktisch klingt, birgt allerdings Risiken. Denn kann künstliche Intelligenz tatsächlich unterscheiden, ob ein Pilz essbar oder giftig ist? Und wie verlässlich sind die digitalen Helfer, wenn schon kleine Verwechslungen ernste Folgen haben können? Ein Pilzexperte ordnet ein, was KI beim Pilzesammeln leisten kann und wo ihre Grenzen liegen.
KI-Apps können den Einstieg erleichtern
Grundsätzlich sieht Pilzexperte Gerhard Schuster von der Deutschen Gesellschaft für Mykologie KI-gestützte Bestimmungs-Apps positiv. Ähnliche Anwendungen für Pflanzen oder Vogelstimmen hätten bereits gezeigt, wie viel Wissen sich mit ihrer Hilfe niederschwellig vermitteln lasse.
„Grundsätzlich halte ich die KI-gestützten Pilzbestimmungs-Apps für eine ganz tolle Sache“, sagt er. Statt mühsam in Bestimmungsbüchern zu suchen, lasse sich vorhandener Wissensdurst deutlich leichter stillen. Zudem könnten schnellere Erfolgserlebnisse den Einstieg in die Pilzbestimmung erleichtern.
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Manche Apps sind erstaunlich treffsicher
Nach Einschätzung des Experten gibt es zwar deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Anwendungen, einige Programme seien bei der Bilderkennung inzwischen aber erstaunlich leistungsfähig. „Es gibt schon eine gewisse Bandbreite bei der Qualität, aber einige Apps sind ganz erstaunlich gut bei der Bestimmung“, erklärt er.
Der größte Vorteil liege vor allem in der Geschwindigkeit. Während klassische Bestimmungsbücher oft ein systematisches Ausschließen verschiedener Merkmale erfordern, liefern Apps innerhalb weniger Sekunden einen Vorschlag. Ein weiterer Vorteil sei laut Schuster das Gewicht: „Daneben sind die Apps kein Ballast beim Wandern im Wald.“ Und Smartphone sei ohnehin fast immer dabei, ergänzt der Experte.
Warum die Technik trotzdem gefährlich werden kann
Neben den Vorteilen sieht der Pilzexperte auch einen entscheidenden Haken. „Die Schwäche ist die vermeintliche Einfachheit und suggerierte Sicherheit bei den Bestimmungen“, warnt er. Welche Folgen das haben kann, erläutert der Experte anschließend: „Das Risiko, sich zu vergiften, ist hoch, da man sich mit einer App oft an Arten heranwagt, die man vor den Apps beiseite gelassen hat. Die Hemmschwelle sinkt durch die suggerierte Sicherheit.“
Wer sich auf die Einschätzung einer App verlässt, könnte also schneller bereit sein, unbekannte Pilze mitzunehmen oder sogar zu verzehren. Gerade darin sieht der Experte ein erhebliches Risiko.
Was eine KI auf Fotos nicht erkennen kann
Ein weiteres Problem: Für die sichere Bestimmung vieler Pilzarten reicht ein Foto allein oft nicht aus. Erfahrene Pilzkenner achten zusätzlich auf Merkmale, die eine App derzeit nicht erfassen kann. „Noch ist keine App in der Lage, den oftmals bestimmungsrelevanten Geruch zu erkennen“, sagt der Experte. Auch die Beschaffenheit eines Pilzes spiele eine wichtige Rolle. Manche Arten hätten eine charakteristische Oberfläche oder Konsistenz.
„Täublinge fühlen sich beispielsweise wachsartig wie eine Kerze an. Das erkennt nach meinem Wissen bislang keine App.“ Geruch, Haptik und weitere Feinheiten können daher entscheidende Hinweise liefern, die bei einer rein bildbasierten Analyse verloren gehen.
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Niemals nur wegen einer App Pilze essen
Für Verbraucher hat der Experte deshalb eine klare Empfehlung: Apps eignen sich hervorragend, um unbekannte Funde aus Interesse zu bestimmen oder mehr über Pilze zu lernen. Sie sollten jedoch niemals die einzige Grundlage für eine Verzehrentscheidung sein.
„Niemals nur aufgrund einer Bestimmung durch eine App Pilze essen“, betont er. „Eine Pilzvergiftung ist oftmals überhaupt kein Spaß.“ Da niemand in Deutschland auf Wildpilze zum Sattwerden angewiesen sei, gebe es keinen Grund, bei der Bestimmung ein Risiko einzugehen. Für Neugierige seien die Anwendungen dennoch wertvoll. „Zum Bestimmen unbekannter Pilze aus Neugier sind Apps aber wirklich klasse.“
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Könnte KI das Problem künftig lösen?
Langfristig schließt der Experte nicht aus, dass neue Technologien die Pilzbestimmung deutlich sicherer machen könnten. Denkbar seien beispielsweise Geräte, die biologische Merkmale eines Pilzes direkt analysieren.
„Vielleicht wird bald eine App entwickelt, die mit einem Sensor arbeitet, der kurz mal eine Gen-Sequenzierung durchführen kann“, sagt er. „Man pikst den Sensor in den Pilz und schon bekommt man die Art bestimmt.“ Bis solche Technologien tatsächlich verfügbar und verlässlich sind, bleibe jedoch ein erhebliches Risiko bestehen. „Noch ist es aber nicht so weit und so bleibt das Risiko vorerst viel zu hoch.“
Würde der Experte selbst einem KI-Urteil vertrauen?
Die Antwort fällt eindeutig aus: Nein. Zwar sammelt und bestimmt Schuster seit vielen Jahren Pilze, dennoch würde er sich bei einer neuen Art nicht allein auf eine App verlassen. „Bevor ich eine neue Art probiere, muss ich mir ganz sicher mit meiner Bestimmung sein und das wäre ich ausschließlich mit einer App nicht.“
Seine Erfahrung zeigt, worauf es beim Pilzesammeln letztlich ankommt: Wer einen Speisepilz sicher erkennen möchte, sollte sich intensiv mit dessen Merkmalen beschäftigen, ihn riechen, anfassen und mögliche Verwechslungspartner kennen. Eine KI kann dabei helfen, ersetzt diese Kenntnisse bislang aber nicht.