27. August 2026, 6:47 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Viele Menschen empfinden moderne Wohnhäuser als weniger reizvoll als Altbauten. Die glatten, meist eintönigen Fassaden moderner Geschossbauten wirken auf viele Betrachter eher schlicht, funktional und steril. Historische Gebäude mit Stuck, Ornamenten, Erkern und reich verzierten Fassaden finden wir dagegen besonders ansprechend. Doch woran liegt es, dass moderne Gebäude oft so langweilig wirken? Welche Rolle spielen Baukosten, Vorschriften und aktuelle Architekturtrends?
Folgen Sie jetzt myHOMEBOOK bei WhatsApp
Warum früher aufwendiger gebaut wurde
Die prachtvollen Altbauten der Vergangenheit sind nicht zufällig entstanden. In früheren Epochen hing die Gestaltung von Gebäuden stark von den jeweiligen Baustilen und gesellschaftlichen Vorstellungen ab. Was als schön, repräsentativ oder zeitgemäß galt, veränderte sich im Laufe der Zeit. Wohlhabende Bauherren nutzten Architektur gezielt, um ihren Wohlstand und gesellschaftlichen Status zu demonstrieren.
In der Gründerzeit etwa entstanden zahlreiche Mietshäuser mit opulenten Details und Decken, die bewusst so hoch geplant wurden, dass sie an die Säle von Schlössern erinnerten. Allerdings gab es auch in vergangenen Epochen einfache, reine Zweckbauten. Viele dieser Gebäude stehen bis heute in unseren Städten, allerdings oft versteckt als Hinterhäuser. Was heute das Stadtbild prägt, ist deshalb auch eine Auswahl der Gebäude, die erhalten geblieben sind, darunter viele mit verzierten Fassaden.
Zudem sieht ein Altbau nicht allein wegen seines Alters schön aus. Ohne kontinuierliche Pflege und aufwendige Sanierungen kann die Bausubstanz leiden und an Wert verlieren.
Auch interessant: Werden Häuser bald ohne Glasfassaden gebaut?
Baukosten und Wohnraumbedarf
Heute spielen bei der Planung von Neubauten andere Faktoren eine Rolle. Wenn schnell und in kurzer Zeit viel neuer Wohnraum entstehen muss, greift der Geschosswohnungsbau häufig auf standardisierte und serielle Bauweisen zurück. Module werden industriell im Werk vorgefertigt und auf der Baustelle nur noch montiert. Das verkürzt die Bauzeit und senkt die Kosten, kann aber dazu führen, dass ganze Viertel wie aus demselben Guss wirken.
Dass dies nicht nur ein optisches Problem sein kann, zeigt eine Studie der Universität Cambridge aus dem Jahr 2025 zum Wohlbefinden. Sie zeigt, dass eng stehende und regelmäßig wiederholte vertikale Elemente an Fassaden messbaren visuellen Stress verursachen können.
Verzierungen wie Stuck, Ornamente oder aufwendige Erker spielen im heutigen Wohnungsbau eine deutlich geringere Rolle. Solche Elemente verursachen zusätzliche Kosten für Planung, Material und Handwerker.
Wie stark das Budget die Gestaltung beeinflussen kann, zeigen aktuelle Wettbewerbsprojekte in Berlin. Beim Projekt am Molkenmarkt gehörten Naturstein, komplexe Fensterstrukturen und profilierte Natursteinfassaden zu den kostenintensiven Elementen. Bei einem anderen Berliner Wettbewerbsentwurf arbeiteten die Architekten dagegen mit wenigen Fassadenmaterialien und entwickelten die eigenständige Gestaltung vor allem über Proportionen und die Anordnung der Elemente.
Auch interessant: Wie KI Einrichtung und Architektur beeinflussen könnte
Vorschriften und Energieeffizienz als optische Bremse
Zu den Bau- und Materialkosten kommen heute gesetzliche Anforderungen an Energieeffizienz und Klimaschutz hinzu. Bauherren und Architekten müssen klimabedingte Anforderungen an Energieeffizienz, Dämmung und Klimaschutz berücksichtigen. Diese Anforderungen können die Konstruktion und Planung eines Gebäudes beeinflussen, müssen aber nicht zu einem weniger ansprechenden Erscheinungsbild führen.
Das Umweltbundesamt weist darauf hin, dass man eine Außenwanddämmung so planen kann, dass sich die Veränderungen gut in die Gestaltung des Gebäudes einfügen. Gerade bei Altbauten kommt es dabei auf Details wie Fenster, Gesimse und andere Fassadenelemente an. Auch bei erhaltenswerten Fassaden kann man Lösungen finden, um den Wärmeschutz zu verbessern, ohne das äußere Erscheinungsbild zu zerstören. Dafür kann man moderne Dämmverfahren und spezielle Materialien einsetzen.
Auch im Neubau müssen Architekten Energieeffizienz und Dämmung von Anfang an in die Planung einbeziehen. Dadurch können sich Vorgaben für die Konstruktion und Fassadengestaltung ergeben. Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass ein Gebäude schlicht oder eintönig aussehen muss.
Bewusster Trend oder digitale Austauschbarkeit?
In der heutigen Architektur ist die Reduktion oft ein bewusster ästhetischer Trend. Beim Minimalismus wählt man gezielt klare Formen und verzichtet auf Dekoration, ohne dass ein Gebäude dadurch langweilig wirken muss. Ein modernes Beispiel dafür ist die biophile Architektur. Dabei werden Pflanzen und natürliche Materialien gezielt in die Gestaltung von Fassaden und Dächern integriert. Das kann ein Gebäude lebendiger wirken lassen und findet sich auch in der Gestaltung von Innenräumen wieder.
Was ist eigentlich parametrisches Design?
Wie die Meister der Renaissance die heutige Architektur beeinflussten
KI und Digitalisierung
Auch die Digitalisierung und KI schaffen neue Möglichkeiten in der Architektur. Heute können Planer Entwürfe digital erstellen und visualisieren. Mithilfe künstlicher Intelligenz können bestimmte Computerprogramme die Planung sogar vereinfachen. Gleichzeitig kann es aber passieren, dass Architekten immer wieder ähnliche Lösungen verwenden. Dadurch kann das Gebäude den Bezug zur Region verlieren, was auch kritisiert wird.
Diese Prozesse sind aber keine Selbstläufer. Architekten müssen die Prozesse durch eine durchdachte Vorarbeit und die Eingabe entsprechender Parameter genau steuern. Deshalb kommt es nicht darauf an, ob Architekten digitale Werkzeuge nutzen, sondern wie sie damit arbeiten und welche Ideen dahinterstehen.
Auch interessant: Muss eine Wohnung Mindeststandards erfüllen, um vermietet zu werden?
Wie bekommt ein Neubau Charakter?
Ein Neubau braucht keine verzierten Fassaden, hohe Decken und Stuck wie der klassische Altbau, sondern eine gute Grundplanung, die sowohl die Wohnraum- als auch die Gebäudeplanung berücksichtigt. Bereits in der Grundplanung kann man wichtige gestalterische Entscheidungen treffen. Es kommt darauf an, wie man ein Gebäude proportioniert, die Fenster anordnet, Fassadenelemente gliedert und Materialien miteinander kombiniert.
Ein gutes Beispiel ist das Projekt „Wohnen am Weißen See“ in Berlin von DMSW ARCHITEKTEN. Dort wurden vier Neubauten um das zum Wohnhaus umgebaute ehemalige Rathaus zu einem Ensemble zusammengefasst. Die beteiligten Architekturbüros entwickelten ein gemeinsames Gestaltungskonzept, das die unterschiedlichen Wohnhäuser miteinander verbindet. Gleichzeitig sind die Wohnungen unterschiedlich geplant: Die Räume haben gut proportionierte Größen und lassen sich je nach Lebenssituation miteinander verbinden oder voneinander trennen.