26. Oktober 2026, 14:11 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Wie Sie Ihren Garten unperfekt und doch gepflegt gestalten, welche Materialien und Pflanzen dabei helfen und was das Ganze mit Wabi Sabi zu tun hat, verrät myHOMEBOOK. Mit Tipps von Gartendesignerin Annette Lepple.
Ein fertiger Garten ist langweilig – und unrealistisch. Wer einen makellosen Rasen haben möchte, muss ständig nachbessern, und trotzdem mogeln sich immer wieder Löwenzahn oder Gänseblümchen dazwischen. Beim Wabi-Sabi-Garten fällt dieser Kampf weg. Auch Moos entfernen oder Hecken auf Linie halten kann man sich sparen. Wer seinen Garten nach dem Wabi-Sabi-Prinzip gestaltet, darf ihn unperfekt lassen und das sogar feiern.
Lebensphilosophie mit Zen-Wurzeln
Das Konzept stammt aus Japan und ist eng mit dem Zen-Buddhismus und der japanischen Teekultur verbunden. „Wabi“ steht für Schlichtheit und dafür, die Umstände anzunehmen und Schönheit in ihnen zu finden, „Sabi“ bezeichnet das, was mit der Zeit entsteht: Patina, sanfter Zerfall und die Würde des Alterns. Annette Lepple, Gartendesignerin und Autorin des Buchs „Mein Wabi-Sabi-Garten“, hat diese Philosophie hierzulande erstmals auf das Gärtnern übertragen. Ihr Buch führt, so der Untertitel, „zum perfekt unperfekten Garten“. Dabei geht es laut Lepple „um Achtsamkeit, Harmonie, Authentizität und die Akzeptanz, dass nichts im Leben je perfekt und fertig ist. Alles ist vergänglich, alles ist im Fluss.“
Ein Gartenstil im klassischen Sinn ist das nicht, eher eine Haltung, mit der man dem Garten (oder auch dem Leben) begegnet. Auf den Garten bezogen heißt das für Lepple unter anderem, „Haus und Garten harmonisch miteinander zu verbinden, indem man beispielsweise natürliche Materialien verwendet, Licht und Schatten in die Gestaltung einbezieht und die Jahreszeiten bewusst zelebriert.“ Im Alltag kann das so aussehen: Der Tisch an der Terrassentür ist aus Holz, darauf steht eine Vase aus Ton – im Sommer mit frisch geschnittenen Blumen, im Herbst mit ein paar Rosenzweigen samt Hagebutten. Durch die Terrassentür fällt der Blick auf überbordende Beete und einen Rasen, der eher eine Wiese ist.
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Zeit, die Schönheit wachsen und vergehen lässt
Im Wabi-Sabi-Garten sind Werden und Vergehen gleichermaßen willkommen: Der Austrieb im Frühjahr ist so schön wie die Samenkapsel im Dezember. Am Anfang steht Gelassenheit, und die besteht oft aus bewusstem Weglassen. Die Expertin erklärt: „Der Rasen wird nicht mehr vertikutiert und gedüngt, sondern bezaubert mit Gänseblümchen, Günsel und Krokussen.“ Lassen Sie ihn im Frühjahr länger wachsen und mähen Sie nur einen Weg hindurch. Verblühtes darf bleiben: Samenstände und Halme behalten lange ihre Form und geben dem Beet im Winter Struktur. Die Beete bleiben im Herbst, wie sie sind, denn „Stauden und Gräser versprühen den Zauber der Vergänglichkeit und bieten gleichzeitig Nahrung und Obdach für Tiere“, sagt Lepple.
Alles, was im Garten steht, von der Bank bis zum Blumentopf, darf altern: „Naturmaterialien wie Stein, Holz und Ton nehmen mit der Zeit eine attraktive Patina an, die man belässt und nicht ‚wegputzt‘.“ Und statt der Thuja steht eine lebendige Hecke da, die sich im Jahreslauf verändert.
Zum Wabi-Sabi-Garten gehört auch Wasser. „Wasser ist wichtig, da Wabi Sabi alles Leben zelebriert“, sagt Lepple. Eine kleine Schale oder ein Wasserbecken „holt den Himmel in den Garten“: Wolken und Licht spiegeln sich im Wasser, und nebenbei dient es als Vogelbad.
Gepflegt altern
Gelassenheit heißt aber nicht Nichtstun. Wabi-Sabi-Gärtner „nehmen subtil Einfluss und streben einen heiteren Ort mit seelenvollem, natürlichem Flair an“, schwärmt Lepple. Eine Entschuldigung für Nachlässigkeit sei Wabi Sabi nicht. Würde liegt auch im Vergehen, wenn es gepflegt aussieht. Die Holzmöbel dürfen grau werden, Steinmauern vermoosen, aber das Vogelbad wird geputzt. Beim Wasser ist Lepple nämlich streng: „Egal, in welcher Form man es in den Garten integriert, es ist nie vernachlässigt oder veralgt, sondern ein ästhetisches Vergnügen.“
Gehölzschnitt gibt es auch im Wabi-Sabi-Garten. „Durch einen Transparenzschnitt betone ich die natürliche Schönheit eines Gehölzes.“ Statt die Krone zu kappen, nimmt man einzelne Äste am Ansatz heraus, so wie Bäume selbst alte, trockene Äste abwerfen. So werden Wuchs und Rinde besser sichtbar, und gleichzeitig kommen Licht und Luft ins Innere.
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Pflanzen für perfekt unperfekt gestaltete Gärten
Ein- und zweijährige Sommerblumen, Stauden und Gehölze – die Auswahl an geeigneten Pflanzen ist riesig. Dabei zählt vor allem Vielfalt: verschiedene Farben, Wuchsformen und Höhen, gerne auch viel Insektenfreundliches. Lepple nennt Beispiele, die aus ganz unterschiedlichen Gründen passen: der Fächer-Ahorn (Acer palmatum) mit pittoreskem Wuchs und prächtigem Laub, die Felsenbirne (Amelanchier), die mit Blüten, Früchten und Laub „ein Gewinn auf allen Ebenen“ ist, und die Bereifte Rose (Rosa glauca), ganzjährig ein Hingucker und „perfekter Partner für Stauden und Gräser“. Dazu kommen drei Pflanzen, die vieles dem Zufall überlassen: Zierlauch (Allium) mit schönem Winteraspekt, Sonnenhut (Echinacea) mit nützlichen Samenständen und Mohn (Papaver), für Lepple ein „liebenswerter Vagabund“ und „Zauber des Zufalls“. Denn einen Pflanzplan nimmt der Mohn nicht ernst, er sät sich dorthin, wo er will.
Ein Tag im Wabi-Sabi-Garten
Gartenarbeit gehört dazu, aber wichtiger sind Achtsamkeit und Freude. Wie ein Tag in ihrem Garten aussehen kann, beschreibt Lepple so: „Morgens nach dem Aufstehen spaziere ich (im Sommerhalbjahr mit Freuden barfuß) mit einer Tasse Tee durch den Garten und freue mich am stimmungsvollen Licht. Im Lauf des Tages putze und fülle ich die Vogelbäder und mache ein kleines Stillleben aus Blumen, Zweigen und anderen Naturfundstücken. Abends mache ich Pilates auf dem Kräuterrasen und dusche im Freien, ehe ich die Zutaten für das Abendessen ernte.“
So sehe ich das
„Ehrlich gesagt: Neu ist das alles nicht. Wer biologisch gärtnert, lässt Laub liegen, Stauden stehen und Wildkräuter wachsen, auch ohne Zen. Neu ist der Name, und der hat einen Vorteil: Er erlaubt, Unvollkommenes schön zu finden. Das Moos im Rasen heißt dann nicht mehr Versäumnis, sondern Charakter.“